#114 Industrie 2025 im Rückblick mit Günter Löchner – So haben KMU das Jahr gemeistert

Podcast Industrie 4.0 | Der Expertentalk für den Mittelstand

In dieser besonderen Podcast-Folge werfen wir gemeinsam mit Günter Löchner, Geschäftsführer bei L-mobile, einen fundierten Blick zurück auf das Industrie-Jahr 2025.
Wie war das Jahr 2025 für die Industrie – und vor allem für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU)? Welche Herausforderungen haben sie bewältigt, welche Chancen genutzt? Und was erwartet sie im Jahr 2026? Wir sprechen über zentrale Entwicklungen in Produktion, Logistik und Field Service, über den Stand der Digitalisierung und über die Learnings, die viele KMU aus diesem Jahr mitnehmen konnten.

Themen im Podcast:
– Welche technologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen 2025 besonders prägend waren
–  Welche Rolle Digitalisierung und Automatisierung in der Praxis gespielt haben
–  Welche Trends und Entwicklungen sich für 2026 abzeichnen
–  Warum Flexibilität, Datentransparenz und digitale Prozesse entscheidend für die Zukunft sind
–  Persönliche Einblicke und Einschätzungen von Günter Löchner zur Lage des Mittelstands

Ob Geschäftsführer:in, Produktionsleiter:in oder Digitalisierungsbeauftragte:r – dieser Jahresrückblick gibt Orientierung, Impulse und einen klaren Blick nach vorn.

Jetzt reinhören und erfahren, wie es KMU im Jahr 2025 wirklich ergangen ist – und welche Weichen ihr für 2026 stellen solltet.

Das Transkript zur Podcast-Folge: Industrie 2025 im Rückblick mit Günter Löchner

ANDREA SPIEGEL: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge Industrie 4.0 – der Expertentalk für den Mittelstand. Das Jahr 2025 neigt sich ganz allmählich dem Ende zu. Genau deshalb haben wir uns für diese Folge etwas Besonderes überlegt. Wir möchten heute gemeinsam mit unserem Gründer und Geschäftsführer Günter Löchner einen Blick zurückwerfen.
Wie ist es dem industriellen Mittelstand im Jahr 2025 ergangen? Was haben wir erlebt? Welche Erfahrungen haben wir gemacht? Schließlich sind auch wir selbst Mittelständler. All das wollen wir uns heute etwas genauer anschauen. Ich bin schon sehr gespannt, denn ich weiß, dass Günter viel zu erzählen hat und ich freue mich sehr darauf.
Schön, dass du heute da bist, Günter.

GÜNTER LÖCHNER: Hallo zusammen.

ANDREA SPIEGEL: Wie immer an dieser Stelle noch ein kurzer Hinweis: Diese Folge gibt es auch als Video auf YouTube zu sehen. Schaut dort gerne vorbei und lasst uns einen Daumen nach oben oder ein Abo für unseren Kanal da.
Günter, du warst schon einmal bei uns im Podcast. Ich habe es eben schon gesagt: Du bist Gründer und Geschäftsführer der L-mobile. Vielleicht magst du dich trotzdem noch einmal kurz vorstellen. Es ist schon eine Weile her und es sind sicherlich auch neue Hörerinnen und Hörer dazugekommen. Wer bist du und was machst du bei L-mobile?

GÜNTER LÖCHNER: Ja, gerne. Ich bin Gründer der L-mobile. Im kommenden Jahr, im Juni, feiern wir unser 25-jähriges Jubiläum. Das ist ein Teilabschnitt in meinem Leben. Insgesamt bin ich nun seit 48 Jahren in diesem Geschäft tätig, im Wesentlichen im Bereich ERP-Systeme, Prozessintegration und Systemintegration.
Das ist schon ein Stückchen. Die letzten 25 Jahre habe ich mit L-mobile verbracht. Angefangen habe ich allein und heute sind wir 340 Mitarbeiter an acht Standorten.

ANDREA SPIEGEL: So sieht es aus.

GÜNTER LÖCHNER: Das kann sich sehen lassen.

ANDREA SPIEGEL: Du kennst das inzwischen: Ich stelle zu Beginn immer noch eine kleine, etwas persönlichere Frage, die zunächst nichts mit unserem eigentlichen Thema zu tun hat. Für dich habe ich mir heute Folgendes überlegt: Wo oder wie tankst du in deinem herausfordernden Alltag als Gründer und Geschäftsführer unserer Firma Energie?

GÜNTER LÖCHNER: Meist mit frischer Luft und Bewegung. Das scheint mir das Wichtigste zu sein. Dabei habe ich auch wirklich den größten Nutzen. Manche wissen es bereits, ich laufe gern ein bisschen.

ANDREA SPIEGEL: „Ein bisschen laufen“ ist gut.

GÜNTER LÖCHNER: Letzte Woche sind wir den Dresden-Marathon gelaufen, Ende November den Tunis-Marathon und Ende Dezember nehmen wir am Licancabur-Lauf teil, auf einer Höhe zwischen 5.970 Metern in Chile.
Das gibt mir immer wieder frische Impulse. Außerdem machen wir Weitwanderwege, ähnlich dem Jakobsweg. Dieses Jahr war es der Adriatrail, insgesamt 26 Tage. In dieser Zeit bin ich viel mit mir allein, mit meinen Gedanken und an der frischen Luft. Dabei entstehen viele neue Ideen.

ANDREA SPIEGEL: Sehr gut.

ANDREA SPIEGEL: Ich habe bereits angekündigt, dass wir heute gemeinsam auf das Jahr 2025 zurückblicken wollen und du uns auch deine Eindrücke und Erfahrungen aus den vergangenen Jahren schilderst.
Wie würdest du zum Einstieg die aktuelle Stimmung im industriellen Mittelstand beschreiben? Wie geht es den Unternehmen und was ist da los?

GÜNTER LÖCHNER: Das ist eigentlich gleichzeitig schwer und leicht zu beantworten. Jeder hat heute Zugang zu Medien, schaut Nachrichten, YouTube oder andere Formate.
Die Lage ist insgesamt sehr schwierig und stark angespannt. Wir sind in zahlreiche Konflikte involviert, sei es durch Kriege oder durch Themen wie Zölle. Das wird medial sehr stark aufgegriffen. An dieser Stelle halte ich mich bewusst etwas zurück, denn das sind Dinge, die ich selbst weder verändern noch verbessern kann.
Der gesamte Mittelstand stellt sich für mich insgesamt als stark kämpfend dar. Er ist häufig sehr langsam unterwegs, obwohl deutlich mehr Veränderung notwendig wäre. Gleichzeitig sehe ich, dass andere um uns herum, insbesondere zwei große Bereiche, viel schneller vorankommen. Da haben wir durchaus unsere Mühen.
Ich sage mir allerdings: Ich kann nicht alles verändern. Deshalb möchte ich mich auf die Möglichkeiten konzentrieren, die wir tatsächlich haben, um voranzugehen und Dinge besser zu machen. Das ist mein eigentliches Hauptinteresse. Wenn ich für einen Teil der Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten, einen Beitrag leisten kann, dann macht mich das wirklich glücklich.

ANDREA SPIEGEL: Welche zwei großen Bereiche siehst du dabei vor allem in der Konkurrenz?

GÜNTER LÖCHNER: China und die USA.

ANDREA SPIEGEL: Darauf kommen wir später wahrscheinlich noch einmal zurück. Wir werden sehen.

ANDREA SPIEGEL: Siehst du generell auch ein Problem beim Thema Kulturwandel? Du hast gerade gesagt, dass Veränderung wichtig ist und dass es manchmal an Bereitschaft oder Schnelligkeit fehlt. Hat das auch mit unserer allgemeinen Kultur oder mit der Unternehmenskultur zu tun?

GÜNTER LÖCHNER: Teilweise ja. Wir sollten offener sein oder offener werden. Wir haben diesen Prozess selbst durchlaufen. Früher waren wir, salopp gesagt, eine schwäbische Firma. Wir waren sehr deutsch geprägt: Unsere Besprechungen und Meetings fanden auf Deutsch statt und so weiter.
Heute haben wir mindestens genauso viele, wenn nicht sogar mehr Mitarbeitende außerhalb Deutschlands als innerhalb. Entsprechend hat sich unsere Kultur verändert. In Meetings sprechen wir beispielsweise Englisch und insgesamt sind wir deutlich kulturoffener geworden. Bei uns arbeiten Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, auch in Bezug auf Konfession oder Religion. Wir leben eine hohe Toleranz und das ist mir persönlich sehr wichtig. Insofern haben wir diesen Wandel bereits vollzogen.

Ich habe zudem ein persönliches Ziel für die nächsten Jahre: In fünf Jahren möchten wir 50 Prozent unseres Umsatzes außerhalb Deutschlands generieren. Deshalb sind wir bereits jetzt in vielen Ländern aktiv, unter anderem in Osteuropa – etwa in Polen, Tschechien, der Slowakei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn. Dafür sind wir offen und gut aufgestellt.

Das gibt uns auch die Möglichkeit, unser Geschäft zu stabilisieren, sodass wir nicht ausschließlich von der aktuell schwierigen Situation in Deutschland abhängig sind. Mir persönlich bereitet das große Freude. Auch unsere Mitarbeitenden sind sehr offen, viele sind reisefreudig und arbeiten gerne zeitweise in anderen Ländern.

All das bringt uns insgesamt in eine deutlich bessere Position.

ANDREA SPIEGEL: Wenn du dir das Jahr 2025 noch einmal anschaust – es liegt inzwischen schon einige Zeit zurück und dabei an die Kundenprojekte denkst, die du begleitet hast, an Gespräche mit anderen Geschäftsführerinnen und Geschäftsführern und ähnliche Begegnungen: Welche besonderen Herausforderungen im Bereich Digitalisierung und in unserem Fachgebiet sind dir in diesem Jahr begegnet? Was hat die Unternehmen besonders beschäftigt?

GÜNTER LÖCHNER: Ja, dazu könnte ich sehr viel erzählen. Ich stehe täglich im Austausch mit Kunden, unterstütze und berate sie und nehme auch selbst Termine vor Ort wahr – das gefällt mir. Ich bin fest davon überzeugt: Wenn wir bei unseren Kunden sind, ihnen genau auf die Finger schauen und ihre konkreten Probleme sehen, dann können wir einen guten Beitrag leisten. Das ist aus meiner Sicht eine gute Voraussetzung.

Es gibt zwei Dinge, die mich sehr stark bewegen. Wir haben einen Kunden, mit dem wir sehr gut zusammenarbeiten. Er führt ein Unternehmen mit 135 Mitarbeitenden, das Tellerfedern produziert und das Geschäft. Dieser Unternehmer ist sehr innovativ. Er sagt: Ich baue neben meine bestehende, aktuell laufende Fabrik eine zweite Anlage, die vollständig automatisiert ist – eine sogenannte Dark Factory.

Die Produkte werden online über einen Webshop mit Konfigurator angeboten. Die Aufträge gehen automatisch ein, das Material wird automatisiert mithilfe von AGVs in die Produktion transportiert. In der Fertigung arbeiten Roboter, die die Teile in die Maschinen einlegen. Die Qualitätssicherung läuft: Die Teile fallen durch einen Schacht und mit bloßem Auge sind Qualitätsunterschiede kaum noch zu erkennen. Kamerasysteme prüfen automatisch die Qualität und entscheiden, ob es sich um ein gutes oder ein fehlerhaftes Teil handelt. Am Ende läuft alles vollautomatisch in den Versand.

Zum einen hat mich der Mut dieses Unternehmers sehr beeindruckt. Zum anderen bin ich überzeugt, dass dies ein Weg in die Zukunft ist. In Deutschland stehen wir vor massiven Herausforderungen: die Alterspyramide – 25 Prozent der Mitarbeitenden aus dem Arbeitsmarkt gehen in die Rente – außer ich. Dafür müssen wir Lösungen finden. Gleichzeitig ist es in Deutschland aufgrund vieler Regulierungen nicht einfach. Aus meiner Sicht gibt es hier nur zwei Hebel: die Produktivität steigern und automatisieren. Dieser Unternehmer geht hier beispielhaft voran.

Ich habe noch ein zweites Beispiel, das mich ebenfalls sehr inspiriert hat. Vor etwa zwei Wochen habe ich mit einem Unternehmer gesprochen, der ein kleines Unternehmen mit rund 75 Mitarbeitenden im Bereich Spritzguss führt. In einem dieser typischen Erstgespräche sagte er zu mir: „Ich möchte mein Unternehmen komplett auf Künstliche Intelligenz ausrichten.“ 75 Mitarbeiter und ich dachte wow. Das war schon eine spannende Herausforderung. Ich war mir nicht sicher, wie ernst er das meinte.

Dann erklärte er mir, dass genau das der Weg der nächsten Generation sei. Er wolle diesen Wandel in den kommenden Jahren vollziehen, spätestens innerhalb der nächsten zehn Jahre. Dafür müsse er jedoch jetzt das Fundament legen. Wenn er nicht digital sei, könne er diesen Schritt überhaupt nicht gehen. In seiner heutigen Fertigung arbeite er noch stark mit Papier und Excel-Tabellen. So habe er keinerlei Chance anzugehen.

Er hat sich deshalb vorgenommen, sein gesamtes Unternehmen konsequent zu digitalisieren. Aus meiner Sicht ist das zwingend notwendig. Wir haben keine realistische Überlebenschance, wenn wir nicht digital werden. Diese Frage stellt sich eigentlich nicht mehr. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wie schnell kommen wir dorthin? Meine klare Antwort ist: Gebt Gas.

Denn es gibt auch in Deutschland bereits Unternehmen, die hier sehr zügig vorankommen. Gleichzeitig habe ich kürzlich einen Bericht gelesen, in dem es hieß, China schaue in den Rückspiegel und könne Deutschland kaum noch wahrnehmen. Wenn ich viele der Entwicklungen dort verfolge, denke ich oft: Wow wir müssen uns deutlich mehr anstrengen. Mein persönliches Anliegen ist es, dazu beizutragen, dass wir in Deutschland schneller vorankommen und den Weg zu mehr Digitalisierung und Automatisierung einschlagen.

ANDREA SPIEGEL: Ich würde gerne direkt noch einmal mit dir auf das Thema Technologien eingehen. Du hast gerade unter anderem das Schlagwort „Paperless Production“ genannt. Gleichzeitig hast du davon gesprochen, dass Investitionen notwendig sind, um Digitalisierung voranzubringen. Siehst du bei den Unternehmerinnen und Unternehmern eine fehlende Bereitschaft zu investieren oder liegt es eher an der wirtschaftlichen Problemlage? Auf der einen Seite steht der Druck, digitalisieren zu müssen und auf der anderen Seite gibt es vielleicht eine schwache Auftragslage und schlichtweg kein verfügbares Budget. Gibt es dieses Problem oder ist es eher im Kopf?

GÜNTER LÖCHNER: Ich würde sagen, es ist im Kopf. Natürlich kann es immer wieder Hürden geben. Dann muss ich mir einen Weg suchen, wie ich um die Hürde herumkomme, darüber oder untendurch oder irgendwie anders. Ich beobachte häufig, dass bei der Erstellung eines Digitalisierungsplans viele Elemente berücksichtigt werden müssen. An unterschiedlichen Stellen ist es notwendig, Maßnahmen zu ergreifen und zu investieren. Dabei beginne ich in dem Bereich, der mir den größten Nutzen bringt und innerhalb eines Jahres oder schneller einen ROI erzielt. Diese Maßnahmen lassen sich umsetzen, dadurch wird wieder Kapital frei und der Prozess kann entsprechend fortgeführt werden.

Grundsätzlich sehe ich hier durchaus Möglichkeiten. In Deutschland sind wir jedoch teilweise – höflich formuliert – eher zurückhaltend oder auch etwas langsam, wenn es darum geht, diese Themen anzugehen. Der Druck scheint oftmals zu gering zu sein. Zudem ist Deutschland stark in Bürokratie und Politik verfangen, was uns aktuell nicht wirklich voranbringt.

ANDREA SPIEGEL: Ich habe es eben bereits angesprochen: Wir möchten auch einen Blick auf das Thema Technologien werfen. In diesem Bereich sind wir gut aufgestellt, verfügen über umfangreiche Erfahrung und kennen uns aus – insbesondere auch im Duo, nicht zuletzt durch den engen Kontakt mit unseren Kunden. Du hast vorhin bereits das Thema Paperless Production erwähnt. Inwiefern siehst du hier große Chancen für Unternehmen in den kommenden Jahren?

GÜNTER LÖCHNER: Grundsätzlich kann das jedes Unternehmen umsetzen. Wir sind dazu in der Lage und können Firmen dabei unterstützen. Das lässt sich relativ zügig erreichen. Wenn ein Unternehmer sagt, dass er diesen Weg einschlagen möchte, ist das meiner Einschätzung nach innerhalb eines halben Jahres bis maximal eines Jahres vollständig realisierbar – auch mit den Technologien, die heute bereits verfügbar sind.

Es gibt unterschiedliche Technologien zur Auswahl und man muss im Detail prüfen, welche Lösung am besten passt. Grundsätzlich ist das jedoch problemlos möglich. Wichtig ist dabei immer, dass ein konkreter Nutzen entsteht, denn ohne Nutzen ergibt ein solches Vorhaben keinen Sinn. Dieser Nutzen ist bei entsprechenden Lösungen in der Regel gegeben.

Vielleicht noch eine Anmerkung am Rande: Wir sind regelmäßig in Projekte involviert, in denen Unternehmen überlegen, welchen Weg sie einschlagen möchten. Heute kann ich kein Projekt mehr umsetzen, ohne den ROI zu betrachten. In nahezu allen Projekten führen wir gemeinsam mit den Kunden eine ROI-Berechnung durch. Teilweise erstellen wir diese zusammen mit den Kunden, teilweise übernehmen wir sie für sie – meist jedoch im gemeinsamen Austausch. Dabei wird klar geprüft, welchen Mehrwert ein Projekt bringt.

Häufig bestehen Projekte aus mehreren Teilsegmenten. Man wird nicht alles gleichzeitig umsetzen, sondern zunächst das, was den größten Nutzen bringt. Wenn man anschließend zu einem Shareholder geht und ein bestimmtes Budget beantragt, ist das nur möglich, indem man klar darlegt, welchen Mehrwert man dafür liefert.

Insofern ist die Umsetzung grundsätzlich möglich. Es ist letztlich eine Frage des Willens und der Entscheidung. Manche Unternehmen werden noch etwas abwarten, andere gehen deutlich schneller voran. Ich bin überzeugt, dass diejenigen, die frühzeitig handeln, am Ende die Gewinner sein werden.

ANDREA SPIEGEL: Wir werden in fünf oder zehn Jahren noch einmal prüfen, wie viele Unternehmen von denen, die abgewartet haben, tatsächlich überlebt haben.

GÜNTER LÖCHNER: Ja, es gibt sehr viele Veränderungen aktuell am Markt.

ANDREA SPIEGEL: Gibt es neben dem Thema Paperless Production noch andere große Themen, die in diesem Jahr im industriellen Mittelstand immer wieder auf der Agenda standen?

GÜNTER LÖCHNER: Ja, ich sehe hier zwei besonders wichtige Punkte. Das erste ist sehr aktuell: die Automatisierung. Wenn man sich Videos aus China anschaut, sieht man komplette Fabriken, die völlig automatisiert laufen – in manchen Bereichen arbeiten die Menschen sogar im Dunkeln nur mit Stirnlampen, um die Produktion zu überwachen. Sie haben es geschafft, und ich bin 100% überzeugt, dass wir das ebenfalls erreichen können.

Der zweite Punkt ist Künstliche Intelligenz. KI ist derzeit ein großer Hype und wird unterschiedlich interpretiert. Meines Erachtens haben wir Fortschritte – alle haben Berührungspunkte damit. Alle haben ChatGPT und experimentieren bereits mit KI auf ihren Rechnern. Es geht voran. Anfangs hatten wir noch Berührungsprobleme bis wir da vorangekommen sind. Auf der Basis der vorhandenen Digitalisierung, die bereits verfügbar ist, beginnen wir nun, die ersten Bausteine bereitzustellen. Manche sind bereits fertig.

Ein konkretes Beispiel: Wir optimieren Wege für Stapler-Leitsysteme. In einem Betrieb arbeiten 10 bis 74 Staplerfahrer im Dreischichtbetrieb, sowohl indoor als auch outdoor. Wir machen da Wegeoptimierung – heute mit KI, das kann man sich anschauen.

Darüber hinaus nutzen wir KI in der Logistik. Da wir digital arbeiten, haben wir Zugriff auf sämtliche Daten: Wir wissen, wo sich welche Materialien befinden, welche Lagerorte optimal oder suboptimal sind und wie wir Artikel am besten zusammenlagern. Die KI unterstützt die Mitarbeiter dabei, das zu optimieren – ähnliches in der Produktion. Die drei haben wir auf jeden Fall.

Im industriellen Bereich sammeln wir große Datenmengen über MDE, BDE– und Werkassistenzsysteme. Diese Daten sind verfügbar und jetzt ist der richtige Zeitpunkt, darauf KI-Komponenten aufzubauen. Aber nur wenn wir digital sind.

Früher lief die Fertigungsplanung sehr aufwendig ab: Informationen wurden handschriftlich festgehalten, eine Assistentin sammelte die Zettel ein und zwei Tage später standen Auswertungen in Excel bereit – zu Stillstandszeiten, Gründen für Verzögerungen oder verspäteten Aufträgen. Das war aufwendig und mühsam. Die Daten stehen uns heute vollständig zur Verfügung. Ich wünsche mir, dass ich morgens als Schicht- oder Fertigungsleiter – beispielsweise um 9 Uhr im Stand-up-Meeting – alle relevanten Informationen abrufen kann. Dabei geht es nicht nur darum, Daten zu präsentieren, sondern den Verantwortlichen konkrete Vorschläge zu machen, wie sie Prozesse verbessern können.

Das erfolgt in zwei Richtungen. Zum einen der Rückspiegel: Was ist gestern, in der letzten Schicht oder in der vergangenen Woche passiert? Zum anderen bietet uns die vorhandene Datenbasis die Möglichkeit, nach vorne zu schauen. Wir kennen das vollständige Auftragsportfolio der nächsten acht Wochen und wissen bereits heute, wo Engpässe entstehen werden. Dadurch können wir frühzeitig gegensteuern, Engpässe vermeiden, umleiten oder zumindest reduzieren. Das stellt einen klaren Mehrwert dar. So sehe ich immer mehr Ansatzpunkte, wie wir Künstliche Intelligenz sinnvoll in unsere Prozesse integrieren können.

Ich möchte sowohl bestehende als auch zukünftige Kunden einladen, gemeinsam mit uns an Business Cases zu arbeiten. Wenn ein Unternehmen sagt, dass ein bestimmter Bereich für es besonders wichtig oder kritisch ist, treten wir gerne in den Dialog und setzen gemeinsam Pilotprojekte um – gegebenenfalls auch mit ein oder zwei weiteren Unternehmen. Auf diese Weise erschließen wir uns Schritt für Schritt das Thema Künstliche Intelligenz.

KI wird kommen, daran besteht kein Zweifel mehr. Der Bereich wird derzeit zwar stark gehypt, was sich auch in den Medien widerspiegelt, doch das ist nicht so mein Thema. Entscheidend ist, dass wir jetzt in eine Phase eintreten, in der wir diese Technologien wirklich nutzen können. Auch einige unserer Wettbewerber zeigen bereits entsprechende Ansätze. Deshalb gilt für uns: Wir wollen, wir müssen.

ANDREA SPIEGEL: Das gilt für alle, nicht nur für die anderen.

GÜNTER LÖCHNER: Ja absolut.

ANDREA SPIEGEL: Du hast gerade ein sehr wichtiges Thema angesprochen: Die Vernetzung über die eigenen Unternehmensgrenzen hinaus. Das bedeutet, nicht nur mit Partnern, sondern gegebenenfalls auch mit Wettbewerbern im Austausch zu stehen. Siehst du darin einen zusätzlichen Mehrwert – insbesondere mit Blick auf das kommende Jahr oder die nächsten Jahre –, um bewusst über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und Trends nicht zu verpassen? Oder würdest du sagen, dass Vernetzung schon immer wichtig war und es auch weiterhin entscheidend bleibt, in Kontakt zu stehen und Netzwerke zu pflegen?

GÜNTER LÖCHNER: Für mich stellt sich zunächst die Frage, wo dieses Thema eigentlich herkommt. Ich selbst habe eine große Neugier und ein starkes persönliches Interesse an neuen Entwicklungen. Gleichzeitig kann man nicht mit allem und jedem vernetzt sein. Es gibt viele Plattformen wie LinkedIn, auf denen zahlreiche Themen diskutiert werden, von denen nicht alles wirklich voranbringt.

Deshalb achte ich sehr bewusst darauf, gezielt Partnerschaften einzugehen und genau zu prüfen, ob sie wirklich zusammenpassen und uns langfristig weiterhelfen. In unserem Gesamtportfolio, das sehr breit aufgestellt ist, stehen wir immer wieder vor Make-or-Buy-Entscheidungen.

Erst in dieser Woche hatte ich einen sehr spannenden Termin. Durch andere Kunden sind wir auf ein Thema aufmerksam geworden: Wir verfügen über ein Werkerassistenzsystem, das die Mitarbeitenden papierfrei durch die gesamte Fertigung führt und sie bei jedem Auftrag unterstützt – bis hin zur Losgröße eins. Dabei gibt es einen neuralgischen Punkt, an dem viele Unternehmen sagen: „Ich habe 6.000 Produkte, und wie soll ich für jedes einzelne all diese Vorschriften, Bearbeitungshinweise und Schritt-für-Schritt-Anleitungen hinterlegen? Ich weiß nicht, wie das gehen soll.“

Wir haben nun ein Unternehmen gefunden, das wir in Kürze offiziell bekannt geben werden. Dieses Unternehmen generiert aus CAD-Plänen vollständige Arbeitsanweisungen – Schritt für Schritt: Wie ein Produkt montiert wird, wie der Prozess abläuft und wie die Qualität sichergestellt wird. Das hat mich sehr beeindruckt. Es handelt sich dabei klar um eine Buy-Komponente, denn das werden wir selbst niemals entwickeln. Dafür haben wir weder die Kompetenz noch den entsprechenden Hintergrund. Die Lösung kommt aus einem Fraunhofer-Umfeld. So bin ich grundsätzlich immer offen für Partnerschaften.

Am Ende muss ich jedoch sehr genau darauf achten, dass unser Produktportfolio ein sinnvolles Setting hat. Ich bin sehr offen und greife gerne neue Themen auf, aber letztlich müssen unsere Mannschaft und die Kunden es am Ende tragen können.

Grundsätzlich sage ich allen, auch in anderen Industriezweigen: Seien Sie offen und suchen gezielt nach Partnerschaften, insbesondere in Themenfeldern, die man selbst nicht beherrscht – das ist sehr wichtig. Als Unternehmerin oder Unternehmer muss man immer entscheiden, was das eigene Kernportfolio ist, welche Kompetenzen man mit der eigenen Mannschaft aufbauen oder übernehmen möchte und in welchen Bereichen Kooperationen sinnvoll sind.

ANDREA SPIEGEL: Es muss für beide Seiten etwas dabei herausspringen.

GÜNTER LÖCHNER: Absolut und es sollte fair verteilt sein. Ich kann durchaus mit einer kleineren Marge leben, wenn der Partner einen Großteil der Arbeit übernimmt. Umgekehrt gilt aber auch: Wenn wir selbst sehr viel beitragen, möchte ich natürlich einen entsprechend größeren Anteil am Ergebnis haben.

ANDREA SPIEGEL: Absolut.

Du hast vorhin bereits aus verschiedenen Kundenprojekten und Gesprächen berichtet und geschildert, welche Erfahrungen du dabei gemacht hast. Fallen dir ein oder zwei Beispiele ein, bei denen du sagen würdest, dass etwas besonders gut funktioniert hat, viel Spaß gemacht hat oder dich vielleicht sogar überrascht hat – etwas, das du am Anfang so nicht erwartet hättest?

GÜNTER LÖCHNER: Das fällt mir ehrlich gesagt etwas schwer. Wir betreuen sehr viele Projekte – rund 400 pro Jahr – und da ist es nicht einfach, einzelne herauszugreifen. Vielmehr gibt es grundlegende Veränderungen, die für mich, uns und unsere Kunden insgesamt sehr relevant sind. Früher waren wir stark vor Ort beim Kunden tätig und haben sehr viel individualisiert und extra programmiert. Die Struktur unseres Unternehmens hat sich jedoch dahingehend verändert, dass wir über viele Jahre hinweg massiv in unsere Produkte investiert haben – die ganzen letzten Jahrzehnte darf ich sagen. Diese Investitionen haben wir die ganzen Jahre über eigenfinanziert und kontinuierlich aus unseren Erträgen gespeist.

Heute sind unsere Produkte deutlich leistungsfähiger, funktionaler und stabiler geworden. Das führt dazu, dass wir Projekte immer näher am Standard umsetzen können. Davon profitieren die Kunden in vielerlei Hinsicht weitestgehend: Die Lösungen sind sicherer und kostengünstiger.

Unabhängig davon gilt für uns bei jedem Projekt das oberste Ziel: Zügig live zu gehen. Unternehmerinnen und Unternehmer investieren erhebliche Summen und sollen nicht ein oder zwei Jahre auf einen Nutzen warten müssen. Mit unserem standardisierten Leistungsportfolio erreichen wir bereits früh einen spürbaren Effekt.

Unser Anspruch ist es daher immer, zügig einen guten Return on Investment zu erzielen. Danach kann ein Projekt weiter ausgebaut und verfeinert werden. Dann kann man goldene Balkonkästen dran machen. Das ist eine wesentliche Veränderung, die wir aktuell erleben.

Eine zweite, ebenso grundlegende Entwicklung ist der konsequente Gang in die Cloud. Es ist erstaunlich oder vielleicht auch überraschend. Vor einigen Jahren musste ich für unser eigenes Unternehmen entsprechende Entscheidungen treffen und war damals noch stark On-Prem orientiert. Alles sollte unter unserer eigenen Verantwortung laufen. Heute kann man sich dieser Entwicklung kaum noch entziehen. Es gibt inzwischen sehr viele Angebote, die wir selbst vollständig aus der Cloud beziehen. Das ist mittlerweile Realität. In unserem Unternehmen sind schätzungsweise rund 25 Systeme im Einsatz – einige davon zentral und dominant, andere als Subsysteme. Man kommt kaum noch daran vorbei. Wenn ich mir den Markt anschaue, sehe ich, dass alle großen ERP-Anbieter konsequent auf Cloud-Lösungen setzen. Egal mit wem man spricht: Cloud-Anwendungen stehen nahezu immer im Mittelpunkt. Auch bei uns lautet die Strategie für 2026 klar „Cloud First“. Dabei ist eine gewisse Differenzierung wichtig. Es gibt zum einen Private-Cloud-Lösungen, die sich vollständig sicher und auch mit Rechenzentren in Deutschland betreiben lassen, beispielsweise in Regionen wie Neckarsulm. Zum anderen nutzen wir auch Public-Cloud-Angebote. Unsere eigenen Lösungen werden zunehmend als SaaS verfügbar, was für viele Unternehmen besonders attraktiv ist.

Früher war es im Vertrieb häufig so, dass zunächst eine hohe Einstiegshürde aufgebaut wurde – beispielsweise 100.000 Euro oder ein anderer größerer Betrag. Anschließend dauerte es lange, bis eine Entscheidung getroffen wurde: Investitionsantrag, verschiedene Gremien, Rückfragen aus den USA und so weiter. Mit Micropayments oder kleineren, monatlich zu zahlenden Beträgen komme ich heute deutlich schneller voran. Ich kann eine Lösung relativ unkompliziert in Betrieb nehmen, vielleicht zunächst nur in einer Abteilung der Fertigung oder in einem anderen Bereich und darauf anschließend aufbauen. Die Investitionen verteilen sich über die Zeitachse. Das ist in der gesamten Wirtschaft zu beobachten. Egal, ob jemand heute ein Auto least oder ein Smartphone kauft – das Prinzip ist immer dasselbe. Ich habe kürzlich ein Angebot für ein neues iPhone gesehen: 56 Euro im Monat. Das klang zunächst sehr attraktiv. Wenn man sich dann aber den Gesamtbetrag anschaut, stehen dort plötzlich 1.570 Euro. Auf die Zeitachse verteilt wirkt es dennoch anders. Das ist die heutige Welt. Diese Modelle machen vieles geschmeidiger. Man kann zunächst klein starten und später entscheiden, ob das, was versprochen wurde, auch tatsächlich eingehalten wird. Es geht um eine klare Beweislage. Insgesamt halte ich diese Entwicklung für positiv. Wir erleben derzeit eine hohe Dynamik und eine umfassende Umstrukturierung in der Wirtschaft. Unabhängig davon werden wir weiterhin On-Prem Lösungen anbieten. Es gibt eine Reihe von Kunden, die klar sagen: Bei uns geht nichts nach außen, unser gesamtes Know-how – beispielsweise in der Fertigung – bleibt intern. Für diese Kunden werden wir auch dauerhaft On-Prem-Systeme bereitstellen. Insofern bieten wir beides an. Der Kunde kann wählen, seine individuellen Bedürfnisse prüfen und auf dieser Basis eine Entscheidung treffen.

ANDREA SPIEGEL: Das hat am Ende auch Einfluss auf das Investitionsvolumen.

GÜNTER LÖCHNER: Ja, absolut. Auch bei den großen Unternehmen sehen wir veränderte Strategien. Viele Hersteller – man denke nur an Trumpf, Arburg und andere – finanzieren ihre Maschinen mittlerweile ebenfalls. Der gesamte Maschinenbau bewegt sich hin zu anderen Konzepten. Eine Maschine für eine Million Euro einfach dahinzustellen, ist für viele Unternehmen schwierig. Stattdessen setzen sie auf Modelle wie Pay-per-Use.

ANDREA SPIEGEL: Pay-per-Use?

GÜNTER LÖCHNER: Genau, Pay-per-Use – also Abrechnung pro Stunde oder pro Nutzung. Selbst wenn ich mir heute einen Mini-Bagger ausleihe, kann er drei Tage auf dem Hof stehen. Er hat einen Betriebsstundenzähler und ich zahle am Ende nur die 1,7 Stunden, die ich ihn tatsächlich genutzt habe. Das ist die neue Welt, in die wir uns bewegen. Für viele Unternehmen wird der Einstieg dadurch deutlich einfacher.

Parallel dazu sind unsere Produkte leistungsfähiger geworden, sodass man sehr schnell einen konkreten Nutzen daraus ziehen kann. Es ist nicht mehr notwendig, lange zu experimentieren, große Projekte aufzusetzen oder umfangreiche Anpassungen vorzunehmen.

Das tut uns allen gut und eröffnet viele Chancen, die wir aktiv ergreifen sollten.

ANDREA SPIEGEL: Davon profitieren beide Seiten – wir und die Abnehmer.

GÜNTER LÖCHNER: Absolut. Vielleicht noch eine Randbemerkung: Wir investieren jedes Jahr rund 4.000 Manntage in die Produktentwicklung. Unser neues Produkt, Release 12.1, ist bereits fertig und befindet sich aktuell noch in der Qualitätssicherung. Der offizielle Freigabetermin ist der 15. Januar. Vor zwei Monaten habe ich bereits die Roadmap für Release 13.1 gesehen, das am 15. Januar 2027 erscheinen wird. Dafür haben wir inzwischen sehr gut etablierte Strukturen geschaffen, mit mehreren Produktmanagern, die gezielt an den Produktstrategien arbeiten.

Wichtig ist dabei, dass Know-how aus dem Vertrieb, dem Marketing, von Projektleitern, Solution-Architekten und vor allem von unseren Kunden zurückfließt. Ich sage meinen Mitarbeitenden immer wieder: Schaut unseren Kunden genau auf die Finger. Beobachtet, was sie tun, wo ihre Herausforderungen liegen und wo wir einen echten Beitrag leisten können.

ANDREA SPIEGEL: Wo wir Nutzen generieren.

GÜNTER LÖCHNER: Ein Lehrmeister für mich war Reinhold Würth. Bereits in den 1990er-Jahren war er konsequent bei seinen Kunden, hat genau hingeschaut, wo Probleme entstehen, und daraus passende Lösungen entwickelt. Das motiviert mich sehr.

ANDREA SPIEGEL: Wenn wir schon einmal einen Blick ins neue Jahr werfen: Wo siehst du die Entwicklungen für 2026? Was erwartest du technologisch, regulatorisch oder ganz allgemein in den Unternehmen? Was steht deiner Meinung nach in den nächsten Monaten und im kommenden Jahr an?

GÜNTER LÖCHNER: Ich formuliere es vielleicht etwas anders und beginne mit der Regulatorik. Das ist schrecklich und so schlimm. Wir haben gerade neu gebaut und rund 13,5 Millionen Euro investiert. Die Hürden und Auflagen, mit denen wir dabei konfrontiert waren, waren so gravierend, dass ich für mich sagen kann: Das würde ich so kein zweites Mal tun.

Viele Unternehmen sind in dem regulatorischen Umfeld, das wir in Deutschland und in der EU haben, zunehmend zurückhaltend, wenn es darum geht, mutig zu investieren oder neue Schritte zu gehen. Überall entstehen zusätzliche Hürden, und das wirkt stark bremsend. Das betrifft nicht nur Bauvorhaben, sondern auch das gesamte Thema Mitarbeiter und ArbeitsweltRegulatorik im weitesten Sinne.

Ich versuche für mich Wege zu finden, wie man mit dieser Bürokratie umgehen oder sie zumindest teilweise vermeiden kann. Manche Regelungen sind natürlich unvermeidbar, da müssen wir hier bezahlen. Auffällig ist jedoch, dass Deutschland bei Vorgaben aus der EU häufig versucht, noch einen zusätzlichen „Goldstandard“ an Bürokratie umzusetzen. Das führt am Ende zur maximalen Komplexität.

Ein positives Gegenbeispiel ist Holland. Dort wird häufig nur das Minimum dessen umgesetzt, was aus der EU vorgegeben wird. Auch wir hätten hier viele Möglichkeiten.

Ein anschauliches Beispiel aus einem anderen Bereich: Discounter wie Aldi oder Norma hatten früher die Strategie, nur eine begrenzte Anzahl an Produkten in den Markt zu führen – beispielsweise maximal 800 Artikel. Kam ein neues Produkt hinzu, musste ein anderes dafür verschwinden. Dieses Prinzip würde ich mir auch für unsere Gesetzgebung wünschen: Wenn ein neues Gesetz eingeführt wird, sollte ein bestehendes im Gegenzug abgeschafft werden.

Wir haben eh zu viele Gesetze. Ich würde 50 Prozent davon abschaffen, weil viele davon reine bürokratische Hürden darstellen.

ANDREA SPIEGEL: Genau. Du hattest regulatorische und technologische Aspekte angesprochen. Wohin geht die Entwicklung aus deiner Sicht? Oder sind wir mit KI momentan erst einmal gut versorgt?

GÜNTER LÖCHNER: Es ist ein Highlight mit Blick auf die hohe Produktivität in Deutschland. Die entscheidende Frage ist jedoch, wie viele neue Investitionen wir hierzulande tatsächlich realisieren können. Manche bemühen sich, aber auch Stimmen wie das Ifo-Institut weisen darauf hin, dass die aktuell aufgelegten Programme zu klein sind, um uns wirklich aus der wirtschaftlichen Lage herauszuführen.

Produktivität, Automatisierung und KI spielt eine große Rolle. Gleichzeitig müssen wir noch viel lernen. Keiner von uns kann auf fünf Jahre Erfahrung in diesem Bereich zurückblicken – sag ich. Wir tasten uns gemeinsam heran. Es passiert sehr viel und man sieht bereits heute, dass sich Geschäftsprozesse grundlegend verändern werden. Das bringt viele Chancen mit sich, aber auch viele Konsequenzen. Entscheidend ist, wie wir mit diesen Konsequenzen umgehen.

Für mich persönlich gibt es darüber hinaus zwei besondere Highlights. Zum einen arbeite ich hier an einer eigenen Dark Factory. Wir betreiben eine sogenannte digitale Fabrik, die sehr beliebt ist – 350 Firmen pro Jahr besuchen diese. Aktuell suche ich nach Jemanden, der sein Produktsetting einbringen möchten, um eine Fabrik aufzubauen für eine vollständig autonome Fertigung. Dieses Thema beschäftigt mich sehr.

Ich gehe davon aus, dass wir ein bis zwei Jahre daran arbeiten werden, bis wir dieses Ziel erreicht haben. Anschließend möchte ich diese Fabrik als konkretes Beispiel nutzen, um anderen interessierten Unternehmen zu zeigen, dass autonome Fertigung möglich ist – und wie sie umgesetzt werden kann. Es geht darum, eine klare Beweislage zu schaffen.

ANDREA SPIEGEL: Meldet euch gerne bei uns, wenn ihr Interesse habt, hier gemeinsam mit uns zu partnern.

GÜNTER LÖCHNER: Ein zweites Thema, mit dem ich mich seit einem Jahr intensiv beschäftige, sind humanoide Roboter. Ich verfolge diese Entwicklung sehr aufmerksam und gehe davon aus, dass wir im kommenden Jahr die ersten zwei Systeme von unterschiedlichen Herstellern anschaffen werden. Anbieter kommen derzeit vor allem aus China, den USA und Deutschland. Einer unserer Partner ist Neura Robotics, mit dem wir als Systemintegrator zusammenarbeiten. In diesem Bereich ist ein gigantischer Schub zu spüren.

Mein Ziel ist es, humanoide Roboter in der Logistik und in der Fertigung einzusetzen. Dabei habe ich zwei Hauptprozesse im Blick: Zum einen das Kommissionieren und zum anderen einfache Montagearbeiten. Komplexe Fertigungsstraßen vollständig zu montieren, ist derzeit noch nicht realistisch. Es gibt jedoch einfache, repetitive Prozesse, bei denen der Einsatz gut vorstellbar ist. An diese Anwendungen möchten wir uns schrittweise herantasten.

Wir haben bereits interessierte Kunden, allerdings sind humanoide Roboter zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht ganz so weit. Ich gehe jedoch davon aus, dass es innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre deutliche Fortschritte geben wird. Der Druck in diesem Bereich ist enorm, und entsprechende Lösungen werden kommen.

Das stellt auch eine Teillösung für den Arbeitskräftemangel dar. Wir haben nach wie vor einen massiven Mangel an Arbeitskräften – immer noch. Selbst die zusätzlichen Arbeitskräfte, die derzeit beispielsweise durch Entlassungen in der Automotive auf den Markt kommen, reichen nicht aus. Es gibt weiterhin sehr viel Arbeit und humanoide Roboter können dazu beitragen, dieses Problem zumindest teilweise zu kompensieren.

ANDREA SPIEGEL: Das klingt auf jeden Fall sehr spannend. Ich glaube, es lohnt sich, bei uns einmal vorbeizuschauen – sei es bei einem Besuch unserer digitalen Fabrik oder, wenn ihr Interesse habt, gemeinsam mit uns an der Dark Factory zu arbeiten. Meldet euch in diesem Fall gerne bei uns.

ANDREA SPIEGEL: Günter, vielleicht zum Abschluss: Wenn du einen Wunsch frei hättest, welche Veränderung würdest du dir für das nächste Jahr im industriellen Mittelstand wünschen?

GÜNTER LÖCHNER: Mut. Einfach Mut und mindestens Neugier. Was ist möglich? Was könnte ich ausprobieren? Lassen Sie sich inspirieren von denen, die beispielhaft vorangehen.
Es gibt zahlreiche Beispiele dafür. Es ist nicht so, dass wir nichts haben. Es gibt die sogenannte Hidden Champion – früher waren es vielleicht 500, heute über 1.000. In Deutschland haben wir über 3.000 oder 3.400 Weltmarktführer. Ein Weltmarktführer ist in seiner Nische einer der drei Besten weltweit. An diesen vielen Beispielen kann man sich orientieren, sich inspirieren lassen und motivieren. Dann kann man kontrolliert versuchen die Schritte zu gehen. Viele haben Angst, etwas falsch zu machen oder es ist zu früh – mit den Herausforderungen der Digitalisierung und Automatisierung. Am liebsten erstelle ich immer eine Generalkarte: Was will ich alles machen. Welche Bereiche davon möchte ich angehen? Danach breche ich das in Etappen herunter und würde mit ein oder zwei Etappen vorangehen und das nächste dann im zweiten Halbjahr oder im darauffolgenden Jahr. Wenn das erste Jahr erfolgreich verläuft, kann ich schon etwas refinanzieren.

ANDREA SPIEGEL: Absolut.

GÜNTER LÖCHNER: Genau.

ANDREA SPIEGEL: Gibt es noch ein Thema, das wir heute noch nicht besprochen haben, das dir im Rückblick auf das Jahr besonders wichtig ist für den Mittelstand?

GÜNTER LÖCHNER: Nein, im Prinzip habe ich alles gesagt. Vieles ist verfügbar, aber die Leute in Deutschland müssen zügiger handeln und vorangehen. Es gibt gute Beispiele und dann hat man die Chance mehr zu erreichen. Wer das nicht macht, wird abgehängt. Das klingt hart, aber in der gesamten Geschichte der Natur – im weitesten Sinn – gilt dieses Prinzip: Wer nicht vorwärts geht, fällt zurück. Der Prozess ist im vollen Gang.
Ich freue mich über jeden, der etwas in die Hand nimmt, ausprobiert, vorangeht – auch gerne mit Partnern zusammen, um nicht allein zu sein.

ANDREA SPIEGEL: Ganz nach dem Motto: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.

GÜNTER LÖCHNER: Absolut, so ist es.

ANDREA SPIEGEL: Okay, dann vielen Dank für deine Zeit und die Einblicke.
Wir haben heute darüber gesprochen, was im industriellen Mittelstand 2025 alles passiert ist, wie die Stimmung generell aussieht und wo wir aktuell stehen. Wie fühlen sich die Unternehmen. Wir haben über die Herausforderungen und Fortschritte gesprochen, über Technologien wie Automatisierung und KI, über Investitionsbereitschaft und wirtschaftliche Lage. Günter hat uns spannende Praxiseinblicke aus aktuellen Projekten gegeben.
Vielen Dank, dass ihr heute dabei wart. Es hat Spaß gemacht. Danke dir nochmal, Günter, für deine Zeit.

GÜNTER LÖCHNER: Danke dir und euch.

ANDREA SPIEGEL: Wenn ihr Fragen habt oder euch mit uns austauschen möchtet, hinterlasst gerne einen Kommentar oder schickt uns eine E-Mail. Wir freuen uns immer über Feedback und Rückmeldungen.
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Dann würde ich sagen: Macht’s gut und bis zum nächsten Mal. Ciao.

Welche Idee steckt hinter der Multikommissionierung in der Lagerlogistik?

„Die Idee bei der Multikommissionierung ist auch da, eben solche Leerfahrten, Leerwege, egal ob jemand läuft oder eben fährt, zu vermeiden.“

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