#117 Lean 2026 – Warum Lean Management jetzt wieder relevant ist

Zukunft KMU – Der Podcast für digitale Transformation

Ist Lean Management 2026 noch zeitgemäß? Definitiv – und vielleicht sogar wichtiger als je zuvor.

In dieser Podcastfolge sprechen wir mit Tobias Herwig, Geschäftsführer bei fischer Consulting, darüber, warum Lean Thinking gerade jetzt ein entscheidender Erfolgsfaktor für den Mittelstand ist – und wie sich Digitalisierung und Lean sinnvoll miteinander verbinden lassen.

Darum geht’s in dieser Folge:

– Warum Lean 2026 wieder ganz oben auf die Agenda gehört

– Welche Herausforderungen und Chancen mittelständische Unternehmen jetzt haben

– Wie digitale Tools Lean-Prozesse unterstützen können – statt sie zu ersetzen

– Was erfolgreiche Lean-Transformationen auszeichnet – anhand realer Praxisbeispiele

– Wie Lean Management hilft, Prozesse zu verschlanken, Mitarbeitende zu stärken und nachhaltig effizient zu arbeiten

Gemeinsam werfen wir einen Blick auf aktuelle Entwicklungen, konkrete Umsetzungen und zeigen, wie Lean Management auch im digitalen Zeitalter nichts an Relevanz verloren hat – im Gegenteil: Es wird zur Grundlage zukunftsfähiger Unternehmen.

Jetzt reinhören, inspirieren lassen & herausfinden, warum Lean 2026 für dein Unternehmen ein echter Gamechanger sein kann!

Das Transkript zur Podcast-Folge: Lean 2026 – Warum Lean Management jetzt wieder relevant ist

ANDREA SPIEGEL: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge Zukunft KMU. Wir können ja nicht in jeder Folge über KI reden und über Sachen, die für viele noch weit in der Zukunft liegen. Deswegen schauen wir uns in dieser Folge mal etwas an, das eigentlich schon als älteres Prinzip gilt. Ich habe mich da mal ein bisschen reingelesen und geschaut, seit wann es eigentlich Lean Management oder diesen Begriff gibt. Und wenn ich es richtig weiß – da darf mein Gast mich gerne korrigieren – ist das Ende der 80er Jahre, Anfang der 90er Jahre geprägt worden. 35 Jahre später gilt es aber immer noch als Begriff, den man kennt, der immer noch nicht überall umgesetzt ist und der auch immer noch spannend und hilfreich ist. In welchem Kontext der auch mit Digitalisierung, agilen Methoden und so weiter steht, was das mit unserem Podcast hier zu tun hat und warum das ein spannendes Thema für euch 2026 sein sollte, das schauen wir uns heute an.

Ich habe dafür wieder einen super tollen Gast heute bei mir sitzen. Der eine oder andere erinnert sich vielleicht auch noch an den Tobias Herwig. Er ist jetzt in der Zwischenzeit Geschäftsführer bei der Fischer Consulting GmbH und ich freue mich sehr, dass du heute da bist.

TOBIAS HERWIG: Vielen Dank für die Einladung, Andrea.

ANDREA SPIEGEL: Sehr gerne. Wie immer an der Stelle für euch nochmal kurz der Hinweis: Die Folge gibt es auch bei YouTube als Videopodcast zu sehen. Schaut da gerne rein und lasst uns ein Abo da, unser Kanal freut sich sehr. Tobias, die Leute wissen es vielleicht schon und wenn nicht, dann werden sie es jetzt erfahren. Du hast ja auch einen eigenen Podcast. Vielleicht magst du da auch nochmal zwei Sätze erzählen und auch gerne, was ihr bei Fischer Consulting macht?

TOBIAS HERWIG: Ja, gerne. Ganz kurz und knapp: Der Podcast, den ich habe, heißt Fabrik der Zukunft. Da geht es um genau die Frage, wie wir die Produktion und die Logistik von morgen gestalten. Das reicht vom Thema Führung bis hin zum ganzen Thema Automatisierung und Digitalisierung – also spannende Themen, die heute auch mit einfließen werden.

Bei der Fischer Consulting sind wir Teil der Unternehmensgruppe Fischer, als Familienunternehmen bekannt für den Dübel, aber auch für viele andere Befestigungssysteme und andere Unternehmen wie Fischer Technik zum Beispiel. Wir haben auch eine eigene Unternehmensberatung und Prozessberatung, die genau aus dieser Lean-Philosophie kommt. Wir machen das schon seit über 20 Jahren mit unserem eigenen Prozesssystem, dem Fischer Prozesssystem. So lange gibt es auch die Fischer Consulting schon, um genau dieses Wissen und die Erfahrung weiterzugeben und intern die Themen weiter voranzutreiben in der Unternehmensgruppe.

ANDREA SPIEGEL: Die Brille hast du aber vorher schon in Rot gehabt.

TOBIAS HERWIG: Ich habe eine neue Brille in Rot, aber ich habe schon länger eine rote Brille.

ANDREA SPIEGEL: Also komplett Corporate.

TOBIAS HERWIG: Genau, so muss es sein.

ANDREA SPIEGEL: Sehr schön. Ich habe dich schon vorgewarnt: Wir stellen immer noch eine kleine persönliche Frage zum Einstieg.

TOBIAS HERWIG: Immer her damit.

ANDREA SPIEGEL: Für dich habe ich mir heute überlegt: Wenn du eine Sache aus dem letzten Jahr anders machen könntest, welche wäre das und warum? Was war 2025, wo du sagst, das würde ich jetzt vielleicht anders machen? Oder sagst du, nee, war alles mega geil, nehme ich genauso nochmal?

TOBIAS HERWIG: Das ist eine echt gute Frage. Ich bin echt happy mit ganz vielen Sachen. Vielleicht das ein oder andere Projekt, was ich so nebenher noch mache, eher nach hinten schieben. Wir sind gerade dabei, unser Haus zu sanieren, und das raubt einem den einen oder anderen Abend.

ANDREA SPIEGEL: Also ein bisschen besseres Projektmanagement.

TOBIAS HERWIG: Genau, das kann man noch optimieren.

ANDREA SPIEGEL: Schön, dann lass uns einsteigen. Wir haben ein spannendes Thema vor uns: Digitalisierung und Lean Manufacturing und wie das eigentlich alles zusammenpasst. Ich habe es gerade schon erwähnt: Gefühlt ist dieses Lean Management so ein bisschen alter Hut. Man hört es schon viele Jahre in allen möglichen Kontexten, gerade wenn man sich in Produktionen rumtummelt. Warum glaubst du trotzdem, dass es für 2026 ein super aktuelles Thema ist und aus deiner Sicht absolut relevant für den Mittelstand?

TOBIAS HERWIG: Es ist und bleibt ein super wichtiges und aktuelles Thema. Es ist richtig, dass natürlich viele Unternehmen sich schon vor 20 Jahren, teilweise noch länger oder auch in den letzten Jahren mit Lean beschäftigt haben. Es gibt fast kein produzierendes Unternehmen, das nicht irgendwann mal Lean eingeführt hat. Die Frage ist immer, wie sehr lebt man das heute noch?

Ich merke das bei ganz vielen Unternehmen, die sich jetzt wieder auf diese Themen zurückbesinnen, weil sie merken: Der Druck steigt. Einerseits vom Markt her in Richtung Flexibilität, andererseits in Richtung Effizienz und Kosten, und dann natürlich noch auf der Wettbewerbsseite.

Das ist ein Zusammenspiel, wo die Leute nochmal anfangen zu überlegen: Wie stellen wir uns wirklich schlank und kundenorientiert auf? Es gab auch Branchen, gerade im deutschsprachigen Raum – vielleicht wenn wir in Richtung Maschinenbau denken –, die sich über Effizienz gar nicht so viele Gedanken gemacht haben. Die haben vielleicht Lean eingeführt, weil man das halt gemacht hat, aber gar nicht richtig verstanden, was das bedeutet und wie man das wirklich lebt und übergreifend im gesamten Unternehmen Exzellenz erreicht. Die merken jetzt: Vielleicht sollte ich mich doch mal mit schlanken Prozessen beschäftigen, weil ich sonst nicht mehr wettbewerbsfähig bin.

ANDREA SPIEGEL: Jetzt sagst du schon ein wichtiges Wort: Prozesse. Das ist ja auch im Bereich der Digitalisierung immer besonders spannend. Wie hängt jetzt in deiner Wahrnehmung oder auch in deiner Erfahrung das Thema Digitalisierung mit Lean zusammen?

TOBIAS HERWIG: Da gibt es ein ganz enges Zusammenspiel und aus meiner Sicht auch eine zwingende Notwendigkeit. Wie du schon richtig sagst: Wenn ich mich mit Digitalisierung beschäftige, dann sollte ich mich auch immer mit meinen Prozessen beschäftigen. Wenn ich das nicht mache, dann habe ich vielleicht irgendwas Tolles digitalisiert, aber nicht die erhofften Effekte.

Wenn man die letzten Jahre zurückschaut: Auch Industrie 4.0 ist ja nicht mehr neu. Man muss sich kritisch hinterfragen – wir haben schon viel digitalisiert in den Fabriken, vieles automatisiert, aber haben wir die Effekte wirklich daraus gezogen, die wir uns erhofft haben?

Das ehrliche Resultat ist in vielen Fällen: So richtig haben wir die Effekte nicht. Teilweise sind sogar negative Effekte entstanden, etwa dass über eine Software ein Silo entstanden ist oder eine Abhängigkeit von einem Softwareanbieter oder einer internen IT. Da stellt sich die Frage: Hat sich das alles überhaupt gelohnt?

Meine Meinung ist: Digitalisierung darf man nicht infrage stellen, aber wir müssen infrage stellen, wie wir digitalisieren. Da kommen wir wieder zurück zu den Prozessen. Wenn wir uns sehr gut mit unseren Prozessen beschäftigen, prozessorientiert optimieren und dann digitalisieren, dann ist es wirklich ein Erfolg. Da gibt es einige Kniffe und Tricks aus der Praxis.

ANDREA SPIEGEL: Da liegt die nächste Frage nahe. Magst du diese Tricks und Kniffe mal mit uns teilen? Vielleicht wenigstens ein, zwei, wo du sagst, damit habt ihr bei einem Kunden vor Ort besonders spannende Effekte erzielt oder konntet die Augen ein bisschen öffnen?

TOBIAS HERWIG: Ein ganz praktisches Thema ist, wirklich erstmal vom Prozess zu kommen und nicht von der Technologie. Ich glaube, das kennt jeder im Management: Da kommt ein Mitarbeiter, ein Logistikleiter, Fertigungsleiter oder wie auch immer, war auf einer Messe, hat eine tolle Software gesehen und sagt: „Hey, das wäre doch toll, das müssen wir jetzt einführen.”

ANDREA SPIEGEL: Ja, ich glaube, fahrerlose Transportsysteme sind da ein gutes Beispiel.

TOBIAS HERWIG: Genau. Das kann man für jede Technologie nehmen – für Software, für KI. Dann heißt es: „Okay, super Idee. Da ist ein Grund dahinter, warum dich das angesprochen hat. Aber jetzt lass uns mal auf Ursachenforschung gehen und sagen: Was ist der Prozess, für den das relevant ist, und was wollen wir da verändern?”

Dann diesen Prozess zu analysieren und sich wirklich systematisch anzuschauen, aufzunehmen, die einzelnen Prozessschritte, die Zeiten, die Daten, die jemand dazu schon hat. Meistens gibt es ja auch schon digitale Systeme. Und nochmal zu gucken: Welche Systeme haben wir überhaupt? Meistens ist man überrascht, was schon digital läuft. Aber dann gibt es dazwischen vielleicht Medienbrüche oder Schritte, die noch nicht digitalisiert sind, wo manuelle Tätigkeiten stattfinden.

Das wirklich runterzuschreiben, aufzunehmen und vor allem transparent zu machen – das ist dann ein Aha-Erlebnis, wo man sieht: Löst das überhaupt ein Problem, das wir haben, oder ist es einfach eine tolle Idee, die vielleicht gar nicht so viel bringt? Man kann dann vom Prozess aus gucken, wie die Zukunft aussehen soll und welche Technologien da Sinn machen.

ANDREA SPIEGEL: Das heißt, um das nochmal zusammenzufassen: Du sagst, Lean ist eigentlich ein guter Startpunkt für Digitalisierung, weil ich mich dadurch zwinge, meine Prozesse zu hinterfragen.

TOBIAS HERWIG: Genau. Leute, die diese Lean-Philosophie schon leben, sind da schon unheimlich gut, sowas zu machen. Die würden vielleicht die Digitalisierung manchmal hinten raus vergessen – das ist dann die andere Seite der Medaille.

Vom Grundsatz ist es genau richtig: Wenn ich sage, ich mache so einen Workshop, nehme einen Prozess auf, analysiere, wo habe ich Verschwendung im Prozess – das sind genau die Lean-Prinzipien. Wenn ich lerne, die Prozesse durch diese Lean-Brille anzuschauen, dann sehe ich natürlich schon die Potenziale, die mir in Richtung Digitalisierung helfen können.

Da ist nicht immer zwingend die Digitalisierung die erste und beste Antwort. Manchmal geht es viel einfacher.

ANDREA SPIEGEL: Manchmal reicht vielleicht die Prozessoptimierung schon.

TOBIAS HERWIG: Ja, oder ich kann vielleicht einen Prozess weglassen. Die besten Prozesse sind die, die ich einfach weglassen kann. Dann brauche ich gar nichts digitalisieren und nichts automatisieren. Aber ich lege natürlich mit dieser Transparenz eine super Grundlage für die Digitalisierung.

ANDREA SPIEGEL: In dem Kontext hast du im Vorgespräch auch gesagt, dass man nicht zu klein denken soll, aber auch nicht zu groß. Kannst du das nochmal einordnen? Ich kann mir vorstellen, wenn Prozesse zu kleinteilig gedacht werden oder nicht end-to-end betrachtet werden, dann ist das ein Problem. Aber wenn ich versuche, alles auf einmal zu machen, ist das auch ein Problem?

TOBIAS HERWIG: Man kann es auf zwei Ebenen betrachten. Von der Analyse her sollte man end-to-end das Ganze betrachten. Ein wichtiges Prinzip vom Lean ist, vom Kunden her zu denken, vom Kundennutzen. Man sagt auch wertschöpfend – was bringt dem Kunden am Ende was? Das ist ein Grundprinzip, da gibt es nichts groß zu diskutieren.

Was jetzt aber wichtig ist: Wenn ich so eine Analyse gemacht habe, wie gehe ich damit um? Jetzt habe ich ganz viele Potenziale und kann in Anführungszeichen zu klein denken und wirklich nur die Low-Hanging Fruits nehmen. Ein bisschen hier optimieren, ein bisschen da – das wäre gut und wichtig, aber damit stelle ich mich nicht zukunftsfähig auf.

Meine Empfehlung ist, wirklich eine Prozessvision zu entwickeln. Zu sagen: „Wir träumen mal und denken wirklich radikal. Wir wollen die Durchlaufzeit um 90 Prozent reduzieren.” Nicht nur um 10 Prozent besser werden, sondern um 90 Prozent. Das ist dann eher ein Nordstern, den ich wahrscheinlich nicht direkt umsetzen kann. Aber durch so eine Zielsetzung fange ich an, anders zu denken, größer zu denken und auch radikaler über Technologien und vielleicht komplett neue Prozesse nachzudenken.

Dafür brauche ich natürlich auch die richtigen Leute im Team. Es ist gut, wenn ganz unterschiedliche Leute in so einem Workshop dabei sind. Dann kriege ich gute Ergebnisse, was so eine Prozessvision anbelangt.

Die ganz große Gefahr – und das sehe ich vor allem in Deutschland, wo wir sehr ingenieursmäßig denken und geprägt sind – ist, dass wir in ein Overengineering kommen. Wir haben jetzt groß gedacht, haben eine Vision, und was passiert dann normalerweise? Ich mache ein großes Projekt draus, mache aus einem Konzept ein Feinkonzept, dann ein detailliertes Konzept. Dann dauert es ein Jahr, es ist nichts umgesetzt, und am Ende ist ein Riesenprojekt da, das keiner bezahlen will. Die Geschäftsführung sagt: „So viel Budget und nochmal so viel Zeit für die Umsetzung? Nee. Komm nächstes Jahr nochmal.”

Da haben wir zwar gut gedacht von der Vision, aber die Kunst ist, dann wieder möglichst schnell in die pragmatische Umsetzung zu gehen. Vielleicht eine Roadmap machen, die muss aber adaptiv sein, also anpassbar. Und dann eher gucken: Wie können wir einen guten ersten Schritt gehen? Schon Richtung Digitalisierung und Automatisierung, aber ohne gleich alles zu wollen. Wir picken einen Pilotbereich raus, legen da los, machen den ersten Schritt, setzen noch nicht die Vision um, haben aber schon einen Benefit.

Das bringt dem Unternehmen nachher was, weil nur wenn man die Ideen wirklich umsetzt, macht sich das auch monetär bemerkbar. Die Prozesse müssen in der Praxis effizienter sein, nicht nur auf dem Papier.

ANDREA SPIEGEL: Absolut. Ist da für dich ein guter Ansatzpunkt dieses Muda, also Verschwendung, um die es ja oft geht? Dass man sagt, wir wollen effizienter werden, Verschwendung reduzieren – keine unnötigen Prozesse, aber natürlich auch keine unnötigen Materialien. Ist das ein guter Ansatzpunkt, um das erste kleine Projekt zu finden, wo die größte Verschwendung liegt? Oder gibt es einen ganz anderen, viel besseren Ansatzpunkt?

TOBIAS HERWIG: Der Blick auf das Muda, auf die Verschwendung, auf das, was nicht wertschöpfend ist – das ist wichtig, wenn ich die Prozesse analysiere. Dann sehe ich: Ich habe einen hohen Bestand, lange Liegezeiten, gebundenes Kapital und eine lange Durchlaufzeit, die dafür sorgt, dass der Kunde lange warten muss.

Das zu analysieren hilft, herauszufinden, wo ich mit einer Veränderung des Prozesses einen hohen Mehrwert generieren kann. Der Blick darauf ist definitiv wichtig, wenn es darum geht zu entscheiden, was ich umsetze. Bei der schnellen Umsetzung geht es natürlich nicht nur um die große Einsparung, sondern auch um die Frage, was für einen Aufwand ich betreibe. Man muss es immer im Verhältnis sehen. Es kann sein, dass gerade da, wo ich eine große Einsparung habe, auch ein hoher Aufwand dahintersteckt.

Dann kommen wir auf die Ebene der Technologien und Software beziehungsweise der Hardware oder Automatisierung. Da muss ich natürlich auch gucken, was für Prozesse das sind und wie ich die digitalisieren kann. Da gibt es Themen, da muss ich Aufwand betreiben, und es ist auch normal, dass größere Investments dahinterstehen. Das eignet sich dann natürlich nicht für einen Pilot.

ANDREA SPIEGEL: Das heißt, beim Piloten würdest du auch auf diese vielleicht etwas verhassten Quick Wins setzen?

TOBIAS HERWIG: Genau. Einer meiner Mitarbeiter sagt das immer so schön: Die Low-Hanging Fruits sind eigentlich nicht die, die am Baum hängen und ich so greife, sondern eigentlich die Äpfel, die schon am Boden liegen. Da gibt es viele davon und die sieht man oft nicht.

Die Kunst ist, schon auch einen gewissen Mehrwert zu erzielen. Wir wollen ja nicht nur die ganz kleinen Optimierungen – das ist das, was im besten Fall in einer guten Lean-Kultur sowieso im Alltag läuft. Wir reden jetzt bewusst über das Zusammenspiel mit der Digitalisierung. Es gibt verschiedene Indizien, die zeigen, da lohnt sich Digitalisierung und Automatisierung: wenn es eine hohe Wiederholhäufigkeit hat, eine hohe Verschwendung vorliegt und wenn der Aufwand zu digitalisieren oder zu automatisieren überschaubar ist. Das würde sich dann anbieten für einen guten Pilot.

ANDREA SPIEGEL: Okay, aber sichtbar machen kann ich das am Ende nur, indem ich vorher Analysen fahre.

TOBIAS HERWIG: Genau, und das ist das Zusammenspiel, wo wir relativ klassisch unterwegs sind, aber natürlich die Digitalisierung schon im Blick haben müssen bei den Analysen.

ANDREA SPIEGEL: Wer macht die Analysen? Habe ich da intern eine ganze Abteilung sitzen? Setze ich da jemanden drauf an? Hole ich mir Unterstützung von außen? Was ist deine Empfehlung, was einen am besten ans Ziel bringt?

TOBIAS HERWIG: Wenn ich die Leute nicht habe, kann ich mir jemanden von außen holen – das ist dann auch unser Geschäftsmodell bei Fischer Consulting. Aber was wir auch machen, ist dieser Ansatz Train the Trainer. Im besten Fall baue ich mir eine Organisation auf im Unternehmen, wo ich sagen kann: In jedem einzelnen Bereich sind Leute da, die in der Lage sind, so einen Workshop zu moderieren. Leute, die diese Lean-Philosophie inhaliert haben und die in der Lage sind, eine Prozessaufnahme zu machen oder einen Visionsworkshop und Sollprozess zu entwickeln.

Denen muss ich natürlich die Grundlagen der Verschwendungsarten schulen, beibringen, wie man eine Wertstromaufnahme oder eine Swimlane macht, und auch schulen, wie man Digitalisierungspotenziale berücksichtigt. Das geht nicht von heute auf morgen. Das ist ein Teil Kultur, ein Teil Wissen und Befähigung der Mitarbeiter und die ganzen Tools, die man kennen muss. Aber man kann sich das aufbauen.

Meistens ist es eine Mischung: ein zentrales Team, Leute in den Bereichen – je näher man die Leute wirklich am Prozess befähigt, desto besser, desto mehr können sie es selbstständig umsetzen.

ANDREA SPIEGEL: Würdest du sagen, die besten Analysten sind die, die die Prozesse selber durchführen? Also zumindest intern, die wirklich nah dran sind? Oder sagst du, manchmal ist der Blick von jemandem, der den Prozess nicht selber ausführt, vielleicht sogar besser?

TOBIAS HERWIG: Die Mischung macht’s. So einen Workshop würde ich immer gucken: Jemanden aus der IT dazunehmen, jemanden, der sich mit der Hardware auskennt, jemanden, der möglichst nah am Prozess ist. Vielleicht einen Auszubildenden oder dualen Studenten, die nochmal eine ganz neue Perspektive reinbringen.

Wenn es kritische und wichtige Themen sind, natürlich auch jemanden Externes, der nochmal von außen draufschaut und das methodische Know-how mitbringt. Je wichtiger so ein Prozess ist, je strategischer so ein Digitalisierungsprojekt, desto mehr muss ich sicherstellen, dass das gut wird. Wenn ich da mehr Leute dabei habe und verschiedene Brillen, wird in der Regel das Ergebnis besser. Ich darf es aber nicht übertreiben, weil sonst wird der Prozess irgendwann zu aufwendig.

ANDREA SPIEGEL: Da sind wir dann vielleicht wieder bei dem Thema, das du vorhin angesprochen hast: Das Ganze muss irgendwie anpassbar bleiben, also adaptiv. Da vielleicht auch nochmal die Frage: Es gibt ja auch dieses Prinzip des agilen Arbeitens und agile Methoden. Passt das in dieses Konglomerat mit rein? Oder sagst du, bleib mal bei Lean und vielleicht noch Digitalisierung, aber dann ist auch gut? Oder ist Agilität genau das, was es noch braucht, um den Prozess nicht zu groß aufzublasen, sondern flexibel zu bleiben?

TOBIAS HERWIG: Gerade in produzierenden Unternehmen würde ich sagen: Fang mal mit Lean an. Im Zusammenspiel mit Digitalisierung kann man da ganz viele Potenziale heben. Agile Methoden haben eine gewisse Nähe zur Lean-Philosophie, weil Lean natürlich auch das Thema Flexibilität als eines der Prinzipien hat.

Wenn ich beispielsweise kurze Durchlaufzeiten habe, bin ich als Unternehmen schon deutlich flexibler und kundennäher. Das zahlt alles auf das Thema Agilität ein. Es gibt auch manche Tools wie Kanban, das man aus dem Lean-Kontext kennt und genauso aus dem agilen Ansatz. Deswegen lassen sich viele Methoden gut kombinieren.

ANDREA SPIEGEL: Die kommen doch auch beide aus Japan, oder? Einmal Toyota für Lean und Kanban?

TOBIAS HERWIG: Ja genau, das kommt aus dem Toyota-Umfeld. Die Kanban-Steuerung ebenfalls. Das bedeutet, es ergänzt sich gut.

Man muss aufpassen: Nicht alles passt direkt zusammen. Aber was ich zum Beispiel über die Roadmap gesagt habe – manche Firmen machen den Fehler, dass sie das in Stein meißeln und denken, sie arbeiten das jetzt zwei Jahre ab. Aber die Technologie entwickelt sich so schnell weiter, dass ich eigentlich mindestens quartalsweise gucken muss: Passt das noch, oder habe ich jetzt technologisch ganz andere Möglichkeiten? Kann ich vielleicht zwei Schritte auf einmal gehen? Beispiel KI: Da gibt es dann ein neues Update und auf einmal brauche ich das gar nicht mehr kompliziert abzubilden – jetzt macht die KI das.

ANDREA SPIEGEL: Vielleicht generell die Frage: Was sind so Tools – es gibt ja auch das ganze Thema Low-Code-Anwendungen, No-Code-Anwendungen und so weiter. Sind das Dinge, wo du sagst, die würde ich mir auf jeden Fall mit reinholen? Oder überfordert man sich damit vielleicht auch schnell?

TOBIAS HERWIG: Low-Code-Software ist ein super wichtiges und spannendes Thema. Die haben absolut an Fähigkeiten gewonnen in den letzten Jahren. Wenn wir über Digitalisierung reden, haben wir noch eine Sache nicht wirklich betrachtet: Je nachdem, was für einen Prozess ich mir anschaue, kann es sein, dass es ein super zentraler Geschäftsprozess ist, der end-to-end wirklich entscheidend ist, dass die Produktion läuft. Da brauche ich im Zweifel große Systeme – mein ERP-System, mein MES, ein WMS und so weiter. Die müssen super zuverlässig laufen. Da brauche ich die IT, die entsprechenden Experten, vielleicht einen Berater dazu. Da möchte ich keine Kompromisse eingehen, das muss im Daily Business funktionieren. Da sind Abhängigkeiten auch okay.

Jetzt habe ich aber auch komplett lokale und dezentrale Prozesse. Die Sonderlocke in Team A, hier noch ein Prozess, den es nur in Team B gibt, dann im Büro noch was. Da haben wir super viele Potenziale für Prozessoptimierung. Aber der große Wiederholfaktor fehlt, es geht nicht um Echtzeitfähigkeit. Da möchte ich ja nicht die IT fragen oder meinen ERP-Implementierungspartner, weil ich dann in meinem Sonderprozess ganz hinten in der Schlange stehe.

Das ist genau das Spielfeld in diesen lokalen, dezentralen Prozessen, wo ich mit Low-Code-Software perfekt unterwegs bin. Wo ich mir Dinge selber automatisieren oder digitalisieren kann und mit den richtigen Werkzeugen auch die Möglichkeit habe, das flexibel anzupassen.

Die Prozesse ändern sich ja regelmäßig, und wenn ich dann wieder warten muss, bis es angepasst wird, verhindert das die schnelle Umsetzung. Das ist genau die Lean-Philosophie: Meine Mitarbeiter zu befähigen, selber die Verschwendung zu sehen, selber die Prozesse zu optimieren und zu verbessern. Da passt es perfekt, eine Low-Code- oder No-Code-Software zu verwenden.

ANDREA SPIEGEL: Also für die – ich nenne es jetzt mal böse – Randprozesse: Da, wo es nicht um Wiederholbarkeit und Echtzeitdaten für den Kunden geht, da kann man ruhig auch mal hands-on sein. Und bei den Fokusprozessen muss man professionell dran arbeiten?

TOBIAS HERWIG: Das sind die Prozesse, die wirklich nur in einem Team laufen, oder die komplett losgelöst sind mit wenig Schnittstellen. Wir haben zum Beispiel einen 5S-Selbstcheck, der läuft bei Fischer für alle Mitarbeiter. Den kann man jetzt nicht nur für ein Team so sagen. Aber der ist komplett losgelöst von allen anderen Prozessen. Deswegen super für Low-Code. Da haben wir uns eine kleine App gebaut. Jeder kriegt automatisiert die Erinnerung, kann einen Fragebogen ausfüllen, kriegt sofort eine Auswertung und Empfehlungen. Perfekt.

Genauso gibt es andere Prozesse, die komplett lokal nur in einem Team sind. Da geht es dann darum, eine Steuerung oder einen kleinen Flow zu machen, der irgendwas im Hintergrund automatisiert, was nur für dieses eine Team relevant ist. Da habe ich dann vielleicht Schnittstellen, aber am Ende nutzen es fünf Leute. Das brauche ich nicht unbedingt in einem ERP-System.

ANDREA SPIEGEL: Und da sind wir dann auch wieder bei diesem: Dafür jetzt einen ewigen Projektplan machen, vorstellen, einreichen …

TOBIAS HERWIG: So schnell wie möglich die Umsetzungen machen, weil sonst sind die Mitarbeiter frustriert. Wenn die Mitarbeiter mitgestalten können, einbezogen werden – schon in der Prozessaufnahme, in der Entwicklung von Ideen, in der Entwicklung der Prozessvision – sind sie begeistert.

Aber es gibt eine fatale Sache: Wenn dann ein Jahr lang nichts passiert, ist die Begeisterung schnell wieder weg. Wenn ich das dann aber selber umsetzen kann und sehe, es funktioniert und ich habe einen Benefit, dann sind die Leute auch wieder begeistert, die nächsten Ideen einzubringen. Dann hat es so einen selbstverstärkenden Effekt. Genau das wollen wir bei Digitalisierung. Leider erlebe ich, bei dem ein oder anderen Unternehmen leider das Gegenteil.

ANDREA SPIEGEL: Das ist vielleicht auch hier nochmal die Chance, die Leute aufzurufen, wirklich mutig zu sein und kleinere Prozesse mit Low-Code- oder No-Code-Anwendungen schnell zu digitalisieren, um die Mitarbeiter am Ball zu halten.

ANDREA SPIEGEL: Ich würde gerne nochmal in die Praxis reinschauen. Du hast ja auch schon viel Erfahrung im Produktionsumfeld oder in der Industrie generell. Gibt es vielleicht ein oder zwei Projekte, wo du sagst, da kannst du uns mal mitnehmen, ein bisschen erklären, wie Lean und Digitalisierung gut zusammengepasst haben?

TOBIAS HERWIG: Gerne. Ein wirklich größeres Projekt, das wir intern bei Fischer hatten, war die Produktion von unserem Langschaft-Dübel. Das war ein spannendes Projekt, weil da die ganze Planung der Produktionsprozesse noch komplett manuell war. Wir hatten eine Grobplantafel, da wurden die Produktionsaufträge – die waren schon digital – ausgedruckt, einsortiert und dann von Mitarbeitern abgearbeitet. Das ist jetzt schon ein paar Jahre her, aber das war damals der Status quo und ist in vielen Fabriken heute noch so.

ANDREA SPIEGEL: Und hat wahrscheinlich auch funktioniert bis zu einem gewissen Punkt.

TOBIAS HERWIG: Es hat gut funktioniert, ja. Mittlerweile sieht es glücklicherweise in allen Fabriken anders aus. Aber man erkennt natürlich sofort die Verschwendung: Der Mitarbeiter muss zur Tafel laufen, da vielleicht noch suchen. Und ich habe natürlich auch nicht die Transparenz – visuell ist es zwar sichtbar, aber ich kann im Nachgang nicht nachvollziehen, wo der Auftragsstatus steht, oder irgendwo ins System schauen und sehen, wie lange etwas wo war.

Dann ist man reingegangen, hat nicht gesagt „wir schaffen eine Software an”, sondern hat diesen Prozess analysiert und geguckt, wo wir überhaupt stehen. Da waren über 60 Medienbrüche in diesem Gesamtprozess – das war nicht nur die Einplanung, sondern auch an vielen anderen Stellen. Man hat auch gesehen, dass schon viele digitale Tools da waren. Dann konnte man sich die Frage stellen: Wie können wir das jetzt digitalisieren?

Es wurde eine Prozessvision entwickelt: die vollautomatisierte Feinplanung der Produktion mit Integration von MES-Systemen und entsprechender Maschinen-Datenanbindung, was bei vielen Maschinen noch nicht erfolgt war. Das war eine tolle Vision, aber da musste man sich auch wieder fragen: Wie gehe ich einen sinnvollen ersten Schritt?

Der erste Schritt war, in einem Pilotbereich alle Maschinen voll zu integrieren, die Medienbrüche zu reduzieren, sodass Mitarbeiter nichts mehr manuell aufschreiben müssen, sondern direkt am Terminal zurückmelden können. Dann war entsprechend auch eine Transparenz über die Aufträge da, die auf den Maschinen laufen. Das ging in einem Bereich relativ schnell.

Wichtig ist, dass die Mitarbeiter vor Ort im Produktionsprozess merken: Hey, es wird besser. Und ich habe was davon, dass wir den Prozess angepasst haben.

ANDREA SPIEGEL: Wie lange hat das gedauert ungefähr?

TOBIAS HERWIG: Das Pilotprojekt wurde relativ schnell umgesetzt, mehrere Wochen waren es schon. Der Gesamtprozess ging dann über Jahre. Jetzt haben wir in allen unseren Werken wirklich die allermeisten Maschinen in unser MES-System integriert, die Daten angebunden. Da gibt es immer auch Maschinen und Anlagen, da geht es nicht so einfach, da braucht man dann ein IoT-Gateway.

ANDREA SPIEGEL: Retrofit.

TOBIAS HERWIG: Ja genau, dann ist es entsprechend komplexer. Wir haben dann auch die ganze Planung digitalisiert – erstmal manuell im digitalen System und jetzt komplett automatisiert. Das Advanced Planning and Scheduling System ist auch integriert in unser ERP-System. Dadurch sparen wir in der Planung Zeit. Wir haben dann nicht nur die Zeitersparnis in der Produktion, im Shopfloor, sondern auch im indirekten Bereich mit den Leuten, die sich im Hintergrund um das Einplanen der Fertigungsaufträge gekümmert haben. Das kann man immer noch weiter treiben – ein Thema war dann auch, die externen Dienstleistungen einzubeziehen, das Thema Logistik, sodass man das jetzt im Gesamtsystem hat.

ANDREA SPIEGEL: Hat das auch einen Einfluss auf die Stimmung gehabt vor Ort? Würdest du sagen, da ist auch was passiert? Zeit- und Kostenersparnis ist immer gut, aber was ist vielleicht drumherum noch an Mehrwert entstanden?

TOBIAS HERWIG: Was auf jeden Fall ein großer Vorteil ist, ist diese Transparenz. Für beide Seiten. Der Mitarbeiter sieht direkt am Terminal nicht nur seinen Auftrag, sondern mittlerweile auch Rüstanweisungen und Hintergrundinformationen, kann sich alles anzeigen lassen, hat sofort alle Kennzahlen, weiß auch, was der nächste Auftrag ist. Das macht es natürlich deutlich entspannter.

Die Leute, die Instandhaltung machen, werden über andere Systeme informiert. Es ist ein durchgängiges System, das es deutlich einfacher und planbarer macht. Das geht bis hoch ins Management. Jemand in der Werkleitung hat eine ganz andere Transparenz. Wenn wir über ein Shopfloor-Meeting reden, kann ich die Übersicht sehen von allen Anlagen und sehe, welche kritischen Maschinen da sind und wo ich mich speziell drum kümmern muss.

Im besten Fall hat jeder auf seiner Ebene genau die Informationen, die er braucht, und hat dadurch einen Mehrwert. Alleine durch diese Transparenz – da reden wir noch gar nicht über Automatisierung.

ANDREA SPIEGEL: Das wäre dann erst der nächste Step.

TOBIAS HERWIG: Genau. Aber das ist, was ich allen empfehle: Man muss nicht gleich zwei Schritte auf einmal gehen. Oft reicht es, diese Transparenz zu schaffen. Wenn man die Daten einmal hat, bringt das allein noch nicht so viel, aber wenn man die Transparenz schafft, ist das der erste große Mehrwert. Dann kann man über clevere Algorithmen reden und irgendwann auch über selbstlernende Systeme und KI.

ANDREA SPIEGEL: Da ist auf jeden Fall nochmal ein wichtiger Punkt: Lean und Digitalisierung und von mir aus agile Methoden, um das Ganze umzusetzen, ist einfach die Basis. Wenn ich keine Daten habe, kann ich sie auch nicht mit KI auswerten oder optimieren.

TOBIAS HERWIG: Definitiv. Deswegen zeigt das Beispiel ganz gut, dass es sinnvoll ist, in gewissen Reihenfolgen vorzugehen.

ANDREA SPIEGEL: Ich glaube, viele sagen: „Wir brauchen jetzt KI.” Da gibt es ja auch schon wieder jede Menge schöne Memes in Social Media von wegen, das Management will KI. „Why do you want it?” – „We want it now!” Im Sinne von: Wir wissen nicht, was wir damit machen wollen, aber wir wissen, dass wir es wollen. Und ich glaube, da ist Lean ein schöner Basiseinstieg.

TOBIAS HERWIG: Das ist so, ja.

ANDREA SPIEGEL: Vielleicht lass uns noch ein bisschen deine Tipps abgreifen. Was sollte ich unbedingt vermeiden, wenn ich mich jetzt mit Lean, Digitalisierung oder Automatisierung beschäftige? Und was wäre dein absoluter Pro-Tipp, wo du sagst: „Wenn du sonst nichts machst, aber das machst du bitte”?

TOBIAS HERWIG: Okay, fangen wir mal damit an, was man nicht machen sollte. Ein Fehler ist, zu denken, man kann das alles im stillen Kämmerlein machen – entweder vom Management aus planen und dann umsetzen, oder nur an die IT geben. Digitalisierung ist kein IT-Projekt. Das ist ein Satz, den man vielleicht schon öfters gehört hat, der aber einfach wahr und richtig ist. Wir müssen gucken, wie wir die verschiedenen Bereiche zusammenbringen.

Ich habe das jetzt schon für so einen Workshop beschrieben. Das fängt bei der Prozessaufnahme an und ist noch wichtiger bei der Sollprozessgestaltung oder der Prozessvision. Wenn man noch größer denkt: Wir haben bei Fischer ein interdisziplinäres Team, das Smart Factory Team. Das ist zusammengesetzt aus Leuten, die disziplinarisch in der IT hängen, und Leuten, die disziplinarisch im Fachbereich Produktion sind. Die arbeiten ganz eng zusammen, auch in der Sprintlogik – da sind wir wieder bei den agilen Methoden – und arbeiten daran, die guten Ideen aus der Praxis umzusetzen.

Im MES-System ist das vielleicht nicht so schnell gemacht wie in der Low-Code-Software. Das heißt, ich brauche auch die Organisation dahinter.

Und das ist vielleicht schon die Best Practice auf der anderen Seite: Eine Organisation zu schaffen, die in der Lage ist, sich selbstständig um Prozessoptimierung zu kümmern. Wo jeder Einzelne im Kopf hat, jeden Tag ein bisschen besser zu werden. Wenn jeder daran arbeitet, haben wir einen enormen Effekt. Das kann eine kleine Prozessoptimierung sein, wo es noch gar nicht um Digitalisierung geht. Das kann die neue Low-Code-Lösung sein. Und auf der anderen Seite dann auch die Idee für die Roadmap, die von so einem interdisziplinären Smart Factory Team umgesetzt oder koordiniert wird. Dann haben wir diesen selbstverstärkenden Effekt.

Ein ganz toller Praxistipp noch: Man muss über diese Erfolge auch reden. Wir machen das bei Fischer so, wir haben einen FPS-Freitag – FPS ist Fischer Prozesssystem, das ist quasi unser Lean-Framework. Dann berichten wir jede Woche nach der Mittagspause über Erfolge. In der einen Woche geht es um Kleinstverbesserungen, in der anderen Woche um größere Projekte, wo dann mal vorgestellt wird, was wir digitalisiert haben oder wo wir eine tolle Low-Code-Software eingesetzt haben.

Das inspiriert die anderen. Das eine Team hat vielleicht die Lösung so genutzt, der Prozess sieht im anderen Team anders aus, aber die können davon lernen und das dann auch umsetzen. Wenn es gelingt, so eine Kultur zu schaffen – miteinander und voneinander zu lernen und gleichzeitig Wertschätzung den Leuten gegenüber zu bringen – dann ist das toll für die Mitarbeiter. Die profitieren einerseits von der Prozessoptimierung, und andererseits sehen sie: Das bringt uns als ganzes Unternehmen voran.

ANDREA SPIEGEL: Das heißt, du würdest als Unternehmer vor allem im Bereich Mindset und Kultur investieren, indem du die Menschen ermutigst, mutig zu sein und kleine Dinge anzustoßen?

TOBIAS HERWIG: Ja, und Mindset sagt sich immer so leicht. Aber ich muss natürlich die Strukturen aufbauen und den Freiraum dafür schaffen. Der FPS-Freitag ist nur ein Beispiel für eine Routine, die unterstützt, dass so eine Kultur entsteht. Das Gleiche gilt für die Organisationsstruktur von so einem Smart Factory Team oder für die Kultur, Workshops zu machen. Beim ersten Workshop klappt es vielleicht nicht so, da brauche ich ein bisschen externe Unterstützung. Aber wenn sich das mal etabliert hat, regelmäßig Workshops zu machen, dann ist das irgendwann normal und wird automatisch zur Kultur.

ANDREA SPIEGEL: Absolut. Sehr schön, vielen Dank für deine Zeit. Ich hätte noch 50 Fragen in petto, aber wir machen an der Stelle mal einen Punkt. Wenn ihr da draußen noch Fragen habt rund um das Thema Lean Management, Lean Factory, Lean Production – wie auch immer das bei euch im Haus heißt – und wie das Ganze mit Digitalisierung zusammenhängt und welches Potenzial da für 2026 drin steckt, dann lasst uns gerne einen Kommentar da, schreibt uns eine E-Mail oder geht auch gerne direkt auf den Tobias zu.

TOBIAS HERWIG: Auf LinkedIn vor allem, sonst bin ich eher nicht so aktiv.

ANDREA SPIEGEL: Ja, aber LinkedIn ist natürlich das entscheidende Netzwerk. Vernetzt euch da gerne. Ansonsten haben wir heute über das Thema Lean Manufacturing gesprochen, ob das ein Trendthema für 2026 ist, auch wenn es eigentlich schon ein alter Hut ist. Wir haben geschaut, wie das mit Digitalisierung zusammenhängt und wie sich die beiden Konzepte gut ergänzen können. Wie Verschwendung und Ineffizienzen heute aussehen können und wie man die beheben kann, indem man sich konkret Prozesse anschaut, analysiert und langfristig digitalisiert. Warum Lean und Agile vielleicht auch ein Traumpaar sind, es aber auch nicht übertrieben werden darf. Und der liebe Tobias hat uns auch noch einen Praxiseinblick gegeben in ein Digitalisierungs- und Lean-Projekt bei Fischer.

TOBIAS HERWIG: Sehr, sehr gerne. Vielen Dank für die Einladung.

ANDREA SPIEGEL: Dann bis zum nächsten Mal. Macht’s gut. Lasst uns auch gerne eine Bewertung bei Apple Podcasts oder Spotify da, das hilft uns immer sehr. Bis zur nächsten Folge. Macht’s gut. Ciao.

Highlight-Zitate der Episode: Lean 2026 – Warum Lean Management jetzt wieder relevant ist

„Digitalisierung darf man nicht infrage stellen, aber wir müssen infrage stellen, wie wir digitalisieren.”

„Wir träumen mal und denken wirklich radikal. Wir wollen die Durchlaufzeit um 90 Prozent reduzieren.”

„Digitalisierung ist kein IT-Projekt.”

„Wenn die Mitarbeiter mitgestalten können, sind sie begeistert. Aber es gibt eine fatale Sache: Wenn dann ein Jahr lang nichts passiert, ist die Begeisterung schnell wieder weg.”

„Man muss nicht gleich zwei Schritte auf einmal gehen. Oft reicht es, diese Transparenz zu schaffen.”

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