#111 Zukunftsfähigkeit für KMU mit Christoph Haß

Podcast Industrie 4.0 | Der Expertentalk für den Mittelstand

Schlagwort „Zukunftsfähigkeit“. Jede Unternehmensleitung dürfte daran Interesse haben, egal ob Großunternehmen oder KMU. Aber: Wie? Spannendes, großes Thema!

Andrea Spiegel bespricht heute mit Christoph Haß, Geschäftsführer bei Possehl Digital, den Fahrplan zur Zukunftsfähigkeit und – genauso wichtig – Wettbewerbsfähigkeit.

Dabei werden auch Themen wie Mindset, Führungsstil, Balance zwischen Strategie und „einfach machen“ angesprochen und es gibt spannende Einblicke aus der Erfahrung von Christoph.

Dass auch über Digitalisierung, Automatisierung und KI gesprochen wird, müssen wir wohl nicht weiter erwähnen – jetzt reinhören und Impulse für Deinen Erfolg sammeln!

Das Transkript zur Podcast-Folge: Zukunftsfähigkeit für KMU

ANDREA SPIEGEL: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge Industrie 4.0, der Experten-Talk für den Mittelstand. Wir haben heute ein etwas allgemeineres Thema mitgebracht – nicht speziell Produktion, Service oder Logistik, sondern wir sprechen heute über den Mittelstand als Rückgrat der deutschen Wirtschaft und wie er den Weg in die Zukunft finden kann.

Was heißt eigentlich zukunftsfähiger Mittelstand? Wie sieht der aus, was muss man dafür tun und wo stehen wir da gerade in Deutschland? Das schauen wir uns heute an – und vor allem auch das Wie: Wie komme ich da eigentlich hin, was muss ich dafür tun?

Bei mir ist heute ein spannender Gast: Christoph Haß, Geschäftsführer bei Possehl Digital. Ich freue mich, dass du heute da bist.

CHRISTOPH HAß: Vielen Dank für die Einladung. Freue mich auf den Austausch.

ANDREA SPIEGEL: Ich mich auch. An der Stelle wie immer noch kurz der Hinweis für euch: Die Folge gibt es wieder als Video bei YouTube. Schaut gerne vorbei oder abonniert unseren Kanal.

Christoph, ich habe jetzt nur zwei Sachen über dich gedroppt: Geschäftsführer und irgendwas mit Possehl Digital. Vielleicht kannst du ein bisschen was von dir erzählen – wer bist du, was machst du und warum kannst du über Mittelstand und Zukunftsfähigkeit sprechen?

CHRISTOPH HAß: Mache ich gerne. Vielleicht ganz kurz zu mir: Ich bin jetzt seit drei Jahren bei Possehl, in der Possehl-Gruppe. Dazu kann ich gleich vielleicht ein bisschen mehr sagen, weil es eine spannende Unternehmensstruktur ist. Davor war ich fünf Jahre in der Beratung und habe mich stark mit Startups, Wachstum und Digitalisierung beschäftigt – in dieser Schnittstelle zwischen jungen Unternehmen und mittelständischen Unternehmen.

Wie kann man das zusammenbringen? Wie kann man innovativer werden? Davor habe ich eine Firma mit einem Freund aufgebaut und ausgegründet. Und warum bin ich dann zu Possehl gegangen? Ich hatte in den letzten Jahren verschiedene Seiten eines Tisches gesehen und wollte jetzt nochmal die Seite echter Mittelstand kennenlernen. Possehl ist wirklich deutscher industrieller Mittelstand, wie es im Buche steht. Deswegen wollte ich dahin und kann jetzt alle Perspektiven, die ich vorher gesammelt habe, in einem Profil zusammenbringen.

ANDREA SPIEGEL: Das hört sich sehr spannend an. Magst du noch über Possehl kurz ein paar Sätze sagen? Wenn du sagst, das ist eine spannende Unternehmensstruktur, dann müssen wir diesen Cliffhanger jetzt auflösen.

CHRISTOPH HAß: Kann ich gerne machen. Warum bin ich so begeistert von Possehl? Es ist ein Stiftungsunternehmen, knapp 180 Jahre alt. Das ist erstmal das Besondere: Die Gesellschafterin ist eine Stiftung. Die Familie lebt nicht mehr, und das Geld, das verdient wird, geht in eine Stiftung, die Bildung, Kunst, Kultur und soziale Zwecke fördert. Das finde ich einen sehr spannenden Ansatz.

Unterhalb dieser Stiftung, die sich nicht in unser Geschäft einmischt, hängt eine ganz schlanke Holding mit 30 Leuten. Und darunter hängen über 200 mittelständische Industrieunternehmen. Das sind unternehmerische Unternehmerinnen und Unternehmer in einer Gruppe, und das macht es so besonders. Es sind viele Unternehmen, die man kennt, die aber nicht Possehl heißen – Reinigungsmaschinen zum Beispiel. Wir sind Weltmarktführer in verschiedensten Bereichen. Die Gruppe in Summe ist nicht klein, macht knapp sieben Milliarden Euro Umsatz. Aber die einzelnen Unternehmen sind häufig typischer Mittelstand.

Deswegen finde ich das so spannend: Wir haben eine riesige Diversifikation, die Stiftung als guten Zweck im Hintergrund, und ganz viele Geschäftsmodelle und Branchen unter einem Dach. Die müssen wir irgendwie zusammenbekommen und zukunftsfähig machen – und ich glaube, eine wichtige Rolle spielt dabei die digitale Transformation.

ANDREA SPIEGEL: Da schauen wir uns gleich mal ein bisschen genauer rein. Aber vorher habe ich noch eine kleine persönliche Frage, weil wir immer gerne etwas Persönliches über unseren Gast erfahren. Für dich habe ich heute die Frage: Worüber denkst du häufiger nach, als es dir vielleicht lieb ist – und warum?

CHRISTOPH HAß: Oh, das ist eine gute Frage. Vielleicht ist es momentan das ganze Thema Effizienz, Management, Organisation. Wenn ich über KI spreche, fange ich immer erst bei mir selber an. In meiner Rolle schreibe ich viele E-Mails, nutze die typischen Office-Programme und beschäftige mich intensiv damit, wie ich besser werden kann. Vielleicht sollte ich auch manchmal einen Step runterschalten.

Man muss nicht alles durchautomatisieren, nicht alles mit KI verbessern und optimieren. Ich ertappe mich häufig am Wochenende dabei, YouTube-Videos dazu zu gucken – das kann vielleicht ein bisschen weniger werden.

ANDREA SPIEGEL: Also nicht alles zu verkopft anzugehen.

CHRISTOPH HAß: Genau. Und auch das Berufliche nicht immer ins Private ziehen. Es macht zwar Spaß, aber ich glaube, das ist auch gefährlich – wenn es einem zu viel Spaß macht, bewegt man sich zu viel in dieser Welt. Auch mal Technologie Technologie sein lassen.

ANDREA SPIEGEL: Auf jeden Fall ein Feld, das sich lohnt zu erkunden.

CHRISTOPH HAß: Macht auf jeden Fall unglaublich viel Freude.

ANDREA SPIEGEL: Wie sieht es denn jetzt aus, wenn wir das Thema Mittelstand in Deutschland angucken? Wir haben ja schon angeteasert: Wie wird der Mittelstand zukunftsfähig? Das ist das große Buzzword. Vielleicht können wir auf einem ganz hohen Level anfangen: Was sind Themen, die für dich zum Thema zukunftsfähiger Mittelstand dazugehören? Sind das nur Unternehmensbereiche oder gibt es auch externe Faktoren wie Politik?

CHRISTOPH HAß: Ich glaube, es hat total viele Dimensionen. Vielleicht mal zu Beginn, was ich offen sagen muss: Ich habe keine Lust mehr, immer alles auf die Politik zu schieben. Ich war Anfang des Jahres auf Konferenzen – das hatte natürlich auch mit der Wahl zu tun –, wo viele mittelständische Industrieunternehmen vertreten waren. Gesellschafter und Geschäftsführungen, die immer gesagt haben: die Politik, die Politik, die Politik – und immer nur negativ. Ich glaube, das hilft uns nicht weiter.

Wenn wir von Zukunftsfähigkeit sprechen, sollten wir über Wettbewerbsfähigkeit sprechen. Das ist das große Keyword. Wir haben globalen Druck, globale Herausforderungen, Lohnkosten und viele andere Fragestellungen. Wie kriegen wir unsere mittelständischen Unternehmen wettbewerbsfähig und auf das nächste Level? Es gibt Konkurrenz auf der ganzen Welt, und wir müssen schauen, wie wir unser Know-how und unser tiefgehendes Verständnis dort einbringen können.

Wir haben in der Industrie viel Erfahrung – Maschinenbau, technische Design-Themen. Da sind wir noch weit entfernt von manchen Mitbewerbern, aber der Druck aus China und vielen anderen Ländern wird immer größer. Das ist für mich das Oberthema. Und zur Wettbewerbsfähigkeit gehört als großes Thema Digitalisierung oder digitale Transformation – das ist mein tägliches Brot.

Was mich momentan zusätzlich umtreibt: Ich habe letzte Woche mit einem Geschäftsführer eines Familienunternehmens gesprochen – der hat das Thema Kultur angesprochen. Es geht am Ende des Tages darum, wie wir die Mannschaften mitnehmen. Nicht jeder ist begeistert. Es gibt zu viele Informationen, die auf alle einprasseln, und Überforderung. Eines der entscheidendsten Themen ist, dass wir die Kolleginnen und Kollegen mitnehmen und sie nicht überfordern.

Kulturelle Themen sind da, Digitalthemen sind da, aber auch Sachen wie Operational Excellence – es muss gar nicht immer nur um Digital gehen. Es geht einfach darum, dass wir unsere Operations in den Griff bekommen. Auch zu überlegen: Wo produziere ich eigentlich was? Wir sind in 30 Ländern aktiv mit unseren Unternehmen, und die Frage, wie wir das globaler durchdenken, ist wichtig. Das sind viele Fragen, aber das würde ich mit Zukunftsfähigkeit erstmal beschreiben.

ANDREA SPIEGEL: Also zusammengefasst: Digitalisierung, die Menschen und Kultur und die Prozesse – alles unter dem großen Begriff Wettbewerbsfähigkeit. Gibt es noch etwas, was da für dich reinspielt?

CHRISTOPH HAß: Natürlich sind die politischen Rahmenbedingungen auch total wichtig. Da fällt so viel rein – auch Kapital und steuerliche Rahmenbedingungen. Ich versuche mich aber immer darauf zu fokussieren, wo ich als Mensch mit unseren Einheiten Mehrwert stiften kann. Da sage ich gerne: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Wo wir Mehrwert stiften können, ist in der Gruppe und darüber hinaus mit dem Thema digitale Transformation – Verständnis dafür zu schaffen und das aktiv voranzutreiben. Das macht am Ende die Unternehmen wettbewerbsfähiger. Wenn ich selbst durch KI effizienter oder effektiver werde, bin ich auch selber wettbewerbsfähiger.

ANDREA SPIEGEL: Was ich spannend fand: Sich auf das konzentrieren, was man gut kann, und da schauen, wie es vorangeht. Das ist ein Punkt, der im Mittelstand wirklich relevant ist. Dann starten wir mal rein ins Thema Wettbewerbsfähigkeit. Was heißt das eigentlich? Wann bin ich wettbewerbsfähig?

CHRISTOPH HAß: Vielleicht drehe ich die Frage um und sage, was mich gerade umtreibt. Ich glaube, wenn wir im Mittelstand unsere Daten nicht in den Griff bekommen – unsere Dateninfrastruktur –, dann sind wir nicht mehr wettbewerbsfähig.

Wenn man sich ein typisches mittelständisches Industrieunternehmen anguckt – und da ist immer die Frage: Was heißt eigentlich Mittelstand? Für mich sind das Unternehmen zwischen 50 und 500 Millionen Euro Umsatz, nicht die fünf Milliarden aufwärts. Da gibt es so viele unterschiedliche Systeme und Applikationen. Wenn andere Unternehmen ihre Daten sauber haben, sind die schon zwei, drei Jahre weiter und können mit KI und vielen anderen Sachen arbeiten. Wenn ich das nicht im Griff habe, dann habe ich einen Wettbewerbsnachteil.

ANDREA SPIEGEL: Das ist auch etwas, das wir eigentlich selber beheben könnten.

CHRISTOPH HAß: Genau. Aber dafür muss ich auch die Frage beantworten: Wo investiere ich? Am Ende müssen wir Geld verdienen, profitabel sein. Die Frage ist immer: Wo investiere ich in die Zukunft und wo muss ich aufpassen, dass ich nicht zu viel investiere? Wenn ich heute meine Dateninfrastruktur in den Griff bekomme, habe ich wahrscheinlich erst übermorgen etwas davon.

Der Wettbewerbsdruck nimmt immer mehr zu. Ich erlebe, dass die IT massiv unter Druck gerät, die Kosten steigen. Man kann nicht alles machen. Einen Fahrplan für sich zu entwickeln – wie werde ich wettbewerbsfähiger, was zahlt darauf ein – ist entscheidend. Und dann auch bereit zu sein, Investitionen zu tätigen, die wehtun, aber wichtig sind, damit ich in zwei bis drei Jahren noch wettbewerbsfähig bin.

ANDREA SPIEGEL: Du hast jetzt zwei wichtige Sachen genannt. Erstens das Thema Eigenverantwortlichkeit: sich darauf konzentrieren, wo ich selber wirksam sein kann, anstatt im Außen die Probleme zu suchen. Und zweitens das Thema Fahrplan: eine Vision entwickeln, wo ich hinkommen möchte und was ich dafür tun muss. Würdest du mir bei diesen zwei Themen zustimmen?

CHRISTOPH HAß: Ja, total. Zwei wichtige Themen. Ich würde mit dem Thema Fahrplan starten, weil das das Entscheidende ist. Zwei Kollegen von mir haben so schöne Stichworte: Das eine ist: Ohne Ziel ist jeder Schuss ein Treffer. Und das andere: Viele gehen in den Wald mit einer stumpfen Axt und fangen an, Bäume zu fällen – eigentlich müssten wir erst mal die Axt schärfen.

Wenn man das überträgt: Der typische Mittelstand ist so operativ getrieben. Da sind so viele Probleme, so viele Fragestellungen, um die man sich kümmern muss. Und dann soll man sich abends noch mit Strategie auseinandersetzen.

ANDREA SPIEGEL: Der lästige Teil, der aber nötig ist.

CHRISTOPH HAß: Genau. Was man in einer Beratungsfirma lernt, ist extrem strukturiert an Sachen heranzugehen: Wenn ich dahin will, was muss ich auf den Weg bringen? Im Mittelstand – und das ist auch eine Stärke – haben wir aber gar nicht so viele Profile, die diese sehr strukturierte Herangehensweise mitbringen: Sich ein Ziel nehmen, vorangehen, umsetzen. Das ist ein Ausbildungs- und kulturelles Thema.

Es ist wirklich entscheidend, sich diesen Plan zu machen. Worauf zahlt meine Datenstrategie eigentlich ein? Bei großen Unternehmen ab 700, 800 Millionen Euro gibt es immer mehr solche Rollen und Datenstrategien. Aber der kleinere mittlere Mittelstand – es sei denn, die Geschäftsführung ist total motiviert, und das erleben wir auch, es ist ein totales People-Thema – da sind diese Strategien meistens nicht vorhanden. Und das macht mir Sorgen.

ANDREA SPIEGEL: Also Zielbild definieren, den Prozess strukturiert angehen – da siehst du den Nachholbedarf, um an ein Ziel zu kommen.

CHRISTOPH HAß: Ja, genau. Nur eine Strategie hilft nichts – am Ende muss ich sie umsetzen. Das ist eine Mischung aus beidem. Ich habe mir immer einen Plan gemacht und ein Ziel gesetzt. Gerade im digitalen Umfeld setzt man sich auch eher zu ambitionierte Ziele, und das finde ich auch nicht schlimm.

ANDREA SPIEGEL: Oder bei Ernährung und Sport im Privaten.

CHRISTOPH HAß: Auch, ja. Ich brauche ein gewisses Ambitionslevel und ein paar Rahmendaten, und dann gehe ich vor. Was mir oft fehlt: Man setzt sich ein Ziel und operationalisiert es dann nicht. Man will irgendwie 2030 da stehen, aber wie komme ich da hin? Was muss ich jedes Jahr tun?

ANDREA SPIEGEL: Meilensteine definieren, meinst du?

CHRISTOPH HAß: Genau. Das machen wir zum Beispiel mit unseren Beteiligungen. Ich bin für neue Beteiligungen verantwortlich bei uns. Wir nennen das immer zwei Sachen: Das erste ist die Road to Success – was müssen wir tun, damit wir in drei bis fünf Jahren erfolgreich sind? Ich versuche, das immer auf eine Folie mit fünf bis sieben Bullets runterzuschreiben. Dahinter steckt natürlich viel mehr.

Diese Road to Success zerlegen wir dann jedes Jahr in sogenannte strategische Stoßrichtungen. Wir sagen jedes Jahr, was die strategische Stoßrichtung ist, die auf die Road to Success einzahlt. Das ist eigentlich ganz einfach – man muss es nur machen.

Es ist wichtig, dass man sich diesen Plan nimmt und daran arbeitet. Wenn der Plan nicht funktioniert hat, dann macht man etwas anderes. Aber ich erlebe schon eine Umsetzungsschwäche. Erst diesen Plan machen und dann auch wirklich dranbleiben – denn was wir bei Digitalisierung erleben, ist ein Stau. Der Backlog wird immer größer.

Wenn ich dann in die Unternehmen reingucke, finde ich das auch immer wieder interessant: Da hat man teilweise Unternehmen mit 1.500, 2.000 Leuten, und es sind immer die gleichen drei Personen, die immer mehr Projekte bekommen und umsetzen sollen.

ANDREA SPIEGEL: Weil die die Kompetenzen aufgebaut haben?

CHRISTOPH HAß: Beziehungsweise weil sie einfach gut sind, weil sie es auch machen und die richtige Herangehensweise haben. Ich hatte heute Morgen einen Termin, und wir haben uns genau darüber unterhalten – auch über das Thema, aus Aufgaben wieder rauszukommen. Der hat mir erzählt, seine Mutter hat zu ihm gesagt: Mach doch alles nur ein bisschen schlechter – dann bist du nicht schlecht genug, dass du rausgeworfen wirst, aber du kriegst nicht immer mehr Themen.

ANDREA SPIEGEL: Das ist eine Mitarbeiter-Perspektive.

CHRISTOPH HAß: Ja, wenn du weniger arbeiten und weniger Stress haben willst, ist da vielleicht was dran.

ANDREA SPIEGEL: Um das nochmal kurz zusammenzufassen beim Thema Fahrplan: Du sagst Zieldefinition, die Werkzeuge schleifen, sich überlegen, welche Kompetenzen und welches Team man braucht, vielleicht auch von extern Wissen einkaufen. Dann die Umsetzung als ganz wichtiger Punkt. Und du hast die Road to Success genannt. Was ist so ein Timeframe dafür? Fünf Jahre, zehn Jahre?

CHRISTOPH HAß: Für viele ist es total schwierig, schon alleine zwei Jahre nach vorne zu gucken. Das ist auch eine Frage der Ausbildung. Ich finde, das ist eher eine Drei- bis Fünf-Jahres-Betrachtung. Bei Zehn-Jahres-Zielen muss man stärker iterieren. Aber jeder versteht, was mit Road to Success gemeint ist: Aus der Vision abgeleitet die nächsten drei bis fünf Jahre – was müssen wir ungefähr getan haben, um da hinzukommen?

ANDREA SPIEGEL: Oder näher an die Vision herankommen. Also Road to Success und strategische Stoßrichtungen.

ANDREA SPIEGEL: Was ich da rausgehört habe: Das Thema Mindset und Kompetenzen bei den Mitarbeitenden. Am Ende sind es die drei, die am besten unterwegs sind, die alles auf den Tisch geladen bekommen. Was hat das für dich mit Kultur, Führung und Menschsein zu tun?

CHRISTOPH HAß: Ich glaube, es ist total entscheidend, dass es von ganz oben vorgelebt wird. Das kann man gut am Beispiel KI festmachen. Ein typischer Geschäftsführer oder eine typische Geschäftsführerin – die Frage ist: Wie muss ich KI können und mich damit auseinandersetzen?

Ich habe für mich die Antwort gefunden: Wenn ich selber nicht in der Lage bin, einmal einen Agenten gebaut zu haben, dann werde ich meine Mannschaft nicht dazu hinbekommen. So ein typischer Geschäftsführer oder Vorstand muss auch selber mal so etwas gebastelt und ausprobiert haben. Nicht dass er es jeden Tag machen muss – dafür ist nicht die Zeit. Aber wenn ich nur auf einer abstrakten Ebene sage: „Ja, das kann man mal machen”, dann kann ich nicht mit gutem Vorbild vorangehen.

Die Erwartungshaltung müsste sein – und das ist dann kulturell: Wenn ich selber aufzeige, dass ich das für meinen Bereich getan habe, dann kann ich auf Augenhöhe sagen: Jetzt schaut doch mal ihr. Das ist Kultur at its best – weil die Leute dann sagen: Der meint das nicht nur, der erzählt nicht nur, was er irgendwo gehört hat, sondern er macht es selber. Lead by Example.

Auf der anderen Seite müssen wir aufpassen beim Thema Information Overload. Ich bin ein Riesenfreund von totaler Transparenz im Team. Aber ich glaube mittlerweile mehr daran zu sagen: Open Book, aber ich muss nicht jeder Person aktiv auf Informationen hinweisen.

Konkretes Beispiel: Im Intranet hat jeder Zugriff auf alle Informationen. Aber muss die Person in der Produktion jetzt wissen, dass wir in Amerika gerade ein Riesenproblem haben? Vielleicht besorgt das die Person nur unnötig. Das hat nichts damit zu tun, dass man Wissen vorenthalten will, sondern einfach: Muss ich das aktiv liefern?

ANDREA SPIEGEL: Oder kann man sagen: Wenn du Bedarf hast, holst du dir das.

CHRISTOPH HAß: Weil die Leute überfordert sind – und das verstehe ich. Ich selber bin überfordert. Jede Woche kommt etwas Neues hoch, und die Geschwindigkeit nimmt zu. Wir müssen aufpassen, dass wir die Leute kulturell nicht überfordern, weil irgendwann schaltet man nachvollziehbarerweise ab.

ANDREA SPIEGEL: Gibt es noch etwas, das dir beim Thema Führung wichtig ist? Neben Lead by Example – gibt es eine neue Art von Führung, die wir für einen zukunftsfähigen Mittelstand brauchen?

CHRISTOPH HAß: Ich glaube, Begeisterung ist ein entscheidender Punkt. Man kann Leute mit Begeisterung mitnehmen und das Glas ein bisschen halb voller sehen. Ich gucke auch jeden Tag auf Zahlen, aber als ich Anfang des Jahres auf einer größeren Konferenz war, herrschte eine so schlechte Stimmung – und das waren alles Führungskräfte. Da hat man nachher gar keinen Bock mehr, an die Arbeit zu gehen.

Natürlich haben wir Wettbewerbsdruck und müssen daran arbeiten. Aber wenn ich das mit einer negativen Grundkonnotation mache – ich glaube, das ist einer der entscheidenden Punkte: Spaß dran zu haben und zu sagen, wir kriegen das hin, mit ein bisschen positiver Energie nach vorne zu gehen. Das erlebe ich teilweise zu wenig, gerade im industriellen Mittelstand, der auch manchmal etwas härter in der Sprache und skeptischer ist. Da wünsche ich mir von den Führungskräften, sich einen Ruck zu geben und einfach mal etwas auszuprobieren.

ANDREA SPIEGEL: Eine positive Haltung der Veränderung gegenüber und Bock drauf haben.

CHRISTOPH HAß: Genau. Wir diskutieren uns bei diesen ganzen Digitalisierungs-Use-Cases teilweise zu Tode. Die Diskussionen sind teurer, als wenn man einfach mal etwas gemacht hätte. Das ist auch ein Mindset- und Führungsthema: Einfach mal machen – nicht blind, aber mal etwas ausprobieren. Das machen wir teilweise noch zu wenig.

ANDREA SPIEGEL: Das kenne ich von mir selber: Auf der einen Seite brauche ich den Fahrplan und einen strukturierten Prozess, damit ich mein Ziel erreiche. Auf der anderen Seite soll ich einfach umsetzen, vorankommen und vielleicht auch mal scheitern. Die Balance zu finden, fällt unheimlich schwer. Hast du Tipps aus deiner Erfahrung?

CHRISTOPH HAß: Am Ende ist das Komplexitätsmanagement. Das geht um Organisation, Zeiten, wie ich meinen Arbeitstag gestalte. Sich immer wieder rauszuzoomen: Was ist eigentlich das Big Picture? Wenn ich bei einem KI-Use-Case immer wieder darüber nachdenke, ob mir das morgen noch etwas bringt, weil morgen die nächste Plattform kommt – ja, die Frage kann man sich immer stellen, aber dann ist man irgendwann abgehängt.

Man muss sich überlegen: Ist das ein Rahmen, wo ich etwas ausprobieren kann? Ich würde nicht die großen strategisch relevanten Themen, an denen die ganze Firma hängt, einfach mal ausprobieren. Aber es gibt überall geschützte Räume, wo man etwas testen kann. Diese sollte man sich suchen und dann organisiert angehen. Ich beschäftige mich stark damit, wann ich was mache und wie. Das ist viel Selbstmanagement.

ANDREA SPIEGEL: Also um diese Komplexität und Starre aufzulösen: Einen Rahmen definieren, in dem man Experimente machen kann, und dann den Drive finden, um nach vorne zu gehen.

CHRISTOPH HAß: Klar, priorisieren. Viele Leute könnten gar nicht aufhören zu arbeiten. Und trotzdem muss man sich die Zeit nehmen, Sachen auszuprobieren und die Axt zu schärfen. Das ist wirklich eine Priorisierungsfrage: Was ist jetzt wichtig? Und mit wem mache ich das? Sachen abgeben, Leute suchen, die einen unterstützen, Vertrauen stiften.

ANDREA SPIEGEL: Wie wichtig ist die Balance zwischen „Wofür brauche ich Experten?” und „Was kann ich selber erarbeiten?”? Wann muss ich mir wirklich Expertenwissen dazuholen?

CHRISTOPH HAß: Ich versuche es an einem persönlichen Beispiel: Ich habe mich gerade mit Prozessautomatisierung rund um meinen Arbeitsplatz beschäftigt, zum Beispiel mit Microsoft Power Automate. Das ist ein super starkes Tool. Und genau da habe ich mir die Frage gestellt: Das ist ja nicht ganz trivial, da muss man sich schon reinarbeiten.

Meine Antwort war: Ich glaube, das Tool kann etwas. Ich muss jetzt jemanden finden, der mir das einmal richtig erklärt – als Erstimpuls, ob extern oder intern. Dann muss ich es einmal selber gemacht haben. Aber die zweite Frage ist, ob ich den dritten oder vierten Prozess selber mache. Wahrscheinlich nicht – dafür habe ich nicht die Zeit und andere Aufgaben.

Einmal kurz die Stärke des Tools oder die Antwort auf mein Problem verstehen, dann jemanden finden, der es mir erklärt, es einmal selber ausprobieren und dann jemanden einsetzen, der es vollumfänglich umsetzt. Das ist eine gute Mischung aus selber verstehen und nicht selber zum Bottleneck werden.

ANDREA SPIEGEL: Dass man sich selber nicht zum Single Point of Truth macht und alles davon abhängt.

CHRISTOPH HAß: Weil dann wird man nicht schneller.

ANDREA SPIEGEL: Du hattest noch das große Thema Digitalisierung genannt. Das ist ja riesengroß, und wir beschäftigen uns seit Jahren damit. Inwiefern siehst du das trotzdem noch als wichtiges Thema, und welche Aspekte sind dir besonders wichtig, um den Mittelstand nach vorne zu bringen?

CHRISTOPH HAß: Das kann ich wieder an einer persönlichen Situation schildern. Als ich von meinem ehemaligen Arbeitgeber zu Possehl gewechselt bin, konnte ich das Wort schon nicht mehr hören. Aber dann bin ich bei uns in die Produktion gegangen und habe gesehen, dass da teilweise Maschinen stehen, die älter als 30, 40 Jahre sind. Das meine ich mit nah dran sein. Dann merkt man, dass Digitalisierung nochmal einen anderen Stellenwert hat und wir nicht überall komplett durchdigitalisiert sind.

ANDREA SPIEGEL: Dass die Realität einfach anders aussieht.

CHRISTOPH HAß: Deswegen fahre ich auch auf unsere Baustellen – wir haben einen großen Baugeschäftsbereich – und versuche zu verstehen, wie die arbeiten und denken. Es gibt noch massiv Potenzial. Was für mich einen digital zukunftsfähigen Mittelständler ausmacht, hat eigentlich immer drei Ebenen.

Das erste ist digitale Infrastruktur und Technologie: Security, KI, Workplace und vieles mehr. Wie sieht meine Infrastruktur aus? Ein super entscheidender Faktor.

Das zweite ist digitale Prozesse und Qualität. Prozesse digitalisieren – es ist nicht mehr sinnvoll, dass Leute Sachen ausdrucken, unterschreiben und wieder reinpacken. Aber es passiert noch. Alleine wenn man sich Ausschreibungsprozesse auf der Baustelle anguckt: Da werden Portale per Hand geöffnet, ausgedruckt, hingelegt. Das kann man komplett durchautomatisieren – und das konnte man auch schon vor ein paar Jahren.

ANDREA SPIEGEL: Das ist kein Fähigkeiten- oder Möglichkeitenproblem, sondern man macht es einfach nicht.

CHRISTOPH HAß: Genau, aus welchen Gründen auch immer – kulturell, ein Zeitthema, die Bereitschaft, Geld dafür auszugeben. Bei einer Maschine weiß man, welchen Wert sie hat, aber digitale Investitionen sind schwerer zu greifen. Da ist massiv Potenzial.

Der dritte Bereich ist digitale Kundeninteraktion und digitale Geschäftsmodelle. Bei digitalen Geschäftsmodellen ist der Mittelstand ein bisschen auf die Nase gefallen – man hat viel ausprobiert, aber wenig Erfolg gehabt. Das wird sich vielleicht ändern, auch die Bereitschaft, für Daten zu bezahlen. Aber alleine wie die Customer Journey aussieht und sich verändert – da sind wir noch weit weg. Im kleineren Mittelstand gibt es viele, die haben kein CRM-System und machen ihre Vertriebsaktivitäten immer noch in E-Mails.

ANDREA SPIEGEL: Und was da nicht geht, geht in Excel.

CHRISTOPH HAß: Genau. Das glaubt man immer nicht, aber es ist noch so. Die Kunden und Mitarbeitenden verändern sich, und da müssen wir ran: Digital Sales, Digital Marketing, After Sales. Diese drei Säulen wollen wir angehen, um einen digital zukunftsfähigen Mittelständler zu entwickeln – über Beteiligungen, weil wir selber ja nichts operativ umsetzen.

ANDREA SPIEGEL: Das sind also die drei Bereiche. Sind das Prozesse, die ihr nacheinander abarbeitet, oder Bereiche, die parallel laufen?

CHRISTOPH HAß: Was uns besonders macht mit dieser Gruppe: Ich versuche, zu den Unternehmen hinzufahren und zu verstehen, was ihre wirklichen Herausforderungen sind. Diese Herausforderungen übersetzen wir in Suchfelder, und auf Basis dieser Suchfelder versuchen wir, mit Firmen zusammenzuarbeiten und uns an ihnen zu beteiligen – Firmen, die mittelstandstauglich sind.

Was ich in den letzten Jahren gelernt habe: Ich komme aus der Startup-Welt, und das ist auch okay und wichtig. Aber es muss nicht immer das Startup sein. Es gibt total viel coolen, etablierten, digitalen Mittelstand da draußen mit guten Lösungen. Und manchmal ist das unsexieste Thema eigentlich ein riesiger Game Changer. Wie viel wir uns darüber ärgern, dass unsere ganze Office-Welt nicht funktioniert – wenn man das in den Griff bekommt, ist das ein Game Changer.

ANDREA SPIEGEL: Auch interne Prozesse, die gar nicht mit dem eigentlichen Geschäftsfeld zu tun haben.

CHRISTOPH HAß: Aber auch am Produkt. Die eher unsexy Themen haben manchmal einen riesigen Vorteil. Wir müssen auf die Impact-Themen schauen – nicht darauf, wie bunt die Firma ist, sondern ob sie eine gute Lösung hat. Auch Cybersecurity ist kein sexy Thema, aber es ist entscheidend und macht den Unterschied.

ANDREA SPIEGEL: Das muss einfach funktionieren, da denkt man nicht drüber nach.

CHRISTOPH HAß: Genau. Es ist nicht dieses „Wir bauen das riesige digitale Geschäftsmodell und die Maschine wird nicht mehr verkauft, sondern vermietet.” Das sind die großen Stories, die sind auch cool. Aber wir müssen nicht immer nur auf die großen Themen schauen, sondern mal im Kleinen etwas machen.

ANDREA SPIEGEL: Hast du zum Abschluss noch einen Tipp – oder auch zwei, drei – den du mitgeben würdest? Etwas, das man auf jeden Fall aus der Folge mitnehmen sollte?

CHRISTOPH HAß: Wir haben über vieles schon gesprochen: Strategie, Ziel nehmen, sich organisieren und strukturieren. Was mich immer wieder umtreibt, sind zwei Sachen.

Das erste ist das Thema Mittelstandstauglichkeit: Immer wieder fragen, was ist eigentlich mittelstandstauglich? Was hilft mir im Mittelstand wirklich weiter an Lösungen? Ist das, was ich gerade tue, mittelstandstauglich? Brauche ich das oder brauche ich das nicht?

Der zweite Aspekt – auch ein Buzzword, aber ich übersetze es mal mittelstandstauglich – ist das Thema digitale Souveränität. Wir sollten nicht nur über Amerika und China sprechen, sondern uns fragen: Mache ich mich gerade abhängig? Gebe ich einem Tech-Unternehmen alles? Oder habe ich zwei, drei Anbieter? Sich nicht digital abhängig zu machen, ist ein ganz entscheidender Faktor, wenn ich an Zukunftsfähigkeit denke. Plan, Zielsetzung – das hängt alles zusammen, um ein zukunftsfähiges Unternehmen zu entwickeln.

ANDREA SPIEGEL: Das hört sich gut an. Ich hätte Lust, noch weiter zu sprechen, aber wir machen an der Stelle einen Punkt. Wir haben uns die Frage gestellt: Was ist eigentlich zukunftsfähiger Mittelstand in Deutschland? Was heißt das und was muss man dafür tun?

Ein ganz großes Thema war Wettbewerbsfähigkeit – wenn ich abgehängt werde, bin ich auch nicht mehr zukunftsfähig. Große Teilbereiche waren Digitalisierung, Menschen und Kultur sowie Prozesse und Umsetzung. Christoph, du hast viele spannende Sachen geteilt. Vielen Dank für deine Zeit, es hat mir Spaß gemacht.

CHRISTOPH HAß: Danke euch.

ANDREA SPIEGEL: Vielleicht kommst du mal wieder.

CHRISTOPH HAß: Gerne, jederzeit. Wir können tiefer in jedes Thema einsteigen.

ANDREA SPIEGEL: Wenn ihr Fragen habt zu dem, was wir heute besprochen haben, oder wenn Christoph eine Idee für ein neues Thema angestoßen hat, dann schreibt uns gerne in die Kommentare oder schickt uns eine Nachricht. Wenn euch die Folge gefallen hat, lasst uns einen Daumen nach oben bei YouTube oder eine Bewertung bei Apple Podcast oder Spotify da. Bis zum nächsten Mal, macht’s gut!

CHRISTOPH HAß: Vielen Dank.

Highlight-Zitate der Episode: Zukunftsfähigkeit für KMU

„Wenn wir im Mittelstand unsere Daten nicht in den Griff bekommen – unsere Dateninfrastruktur –, dann sind wir nicht mehr wettbewerbsfähig.”

„Ohne Ziel ist jeder Schuss ein Treffer.”

„Viele gehen in den Wald mit einer stumpfen Axt und fangen an, Bäume zu fällen – eigentlich müssten wir erst mal die Axt schärfen.”

„Die Diskussionen sind teurer, als wenn man einfach mal etwas gemacht hätte.”

„Manchmal ist das unsexieste Thema eigentlich ein riesiger Game Changer.”

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